Gestern, am 20. November 2019, war der internationale Transgender Day Of Remembrance (#TDoR #TDoR2019), den wir jedes Jahr am 20. November zelebrieren, um all Jenen zu gedenken, die im Laufe der letzten 12 Monate durch transphobe Gewalt zu Tode gekommen sind.

Es ist ein sehr wichtiger Gedenktag, ein Trauertag für uns. Anlässlich dieses Tages organisieren wir weltweit – und so auch in Deutschland – Gedenkveranstaltungen die an all diese Ermordeten erinnern sollen.

In Stuttgart, beispielsweise, wurde vor dem Brasilianischen Konsulat eine Rede (in Deutsch und auf Portugisisch) gehalten, die die Brasilianische Regierung aufforderte, den Hass und die Kriminalität gegen transsexuelle Menschen in Brasilian, vor allem gegen Sex Worker, zu beenden. Dann wurde vor dem Konsulat ein Kranz niedergelegt und die lange Liste der Namen der Ermordeten an die Tür geklebt.  In Frankfurt trafen sich viele Menschen und veranstalteten einen Demonstrationszug durch die Stadt mit anschließender Kundgebung.  In München fand eine große Kundgebung statt, mit einer Mahnwache.

Und so fanden in vielen deutschen Städten Gedenkveranstaltungen zum TDoR 2019 statt.

In vielen deutschen Städten…

…nur nicht in Konstanz.

In 2017 habe ich verzweifelt versucht, in Konstanz diesen Gedenktag zu feiern und unserer Ermordeten Geschwister zu angemessen gedenken. Dazu habe ich mich an viele Stellen gewandt und eine Raum gesucht, in dem ich einen entsprechenden Vortrag halten konnte. Nach langer Suche und vielem Bettelns, hat sich dann die Universität Konstanz dazu bereit erklärt, mir einen Raum zur Verfügung zu stellen.

Und so hielt ich dann einen anderthalb stündigen Vortrag über Hass, Diskriminierung, Mobbing und Gewalt an transsexuellen Menschen welt weit. Ich erzählte von Michael Hughes, der erfolgreich gegen die Bathroom Bill in North Carolina angekämpft hat. Ich erzählte von Balian Buschbaum, der 1999 Deutscher Meister im Stabhochsprung geworden war. Ich erzählte von Corey Maison und ihrem Papa, eine tolle, bewegende Geschichte eines taffen, jungen und wunderschönen Mädchens.

Ich stellte Statistiken vor, Statistiken der Gewalt und der Grausamkeiten. Ich erzählte von Statistiken über Selbstmordraten und Vieles mehr. Ich erzählte über die Gewalt an transsexuellen Sexarbeiterinnen vor allem in Brasilien.

Ich stellte die offiziellen Zahlen über die ermordeten Trans* Menschen weltweit vor und brach diese runter auf die Kontinente und einzelne Länder.

Ich schaffte ein Bewusstsein für diese Probleme, für diese Gewalt, für diese Morde. Und ich sah vor mir in lauter betroffene und mitfühlende Gesichter.

Meine Zuhörer, etwa 15 an der Zahl, dankten mir danach für einen bewegenden und tollen Vortrag.

Dann kam 2018. Und plötzlich musste ich nicht mehr betteln. Plötzlich musste ich nicht mehr verzweifelt nach einem Raum suchen. Plötzlich kam das „Referat für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity“ der Uni Konstanz von sich aus auf mich zu und bat mich, diesen Vortrag zum TDoR2018 wieder zu halten. Und natürlich nahm ich dieses Angebot sehr danken und hoch erfreut an!

Ich organisierte eine junge Trans* Künstlerin, die mit mir zusammen diesen Tag zelebrieren wollte. Wir stellten ihre Malereien, ihre Bilder in dem Vortragsraum aus und ich hielt meinen Vortrag, zwei Stunden lang. Mit aktuellen Statistiken, aktuellen Geschichten. Der Raum war brechend gefüllt. Nun, es war ein kleiner Vortragsraum, aber es waren weit über 50 Personen da, die mir gebannt an den Lippen hingen.

Gestern war also wieder der 20. November. Gestern war TDoR2019. Gestern war wieder dieser Transgender Day Of Remembrance.

Nur, dieses Mal, in 2019, kam die Uni wieder auf mich zu. Allerdings nicht um mich zu bitten, den Vortrag wieder zu halten, sondern um mich zu fragen, ob ich einen Mann mit transsexuellem Hintergrund kenne, der diesen Vortrag halten würde.

An sich ja kein Problem. Ich muss diesen Vortrag nicht jedes Jahr halten. Ganz sicher nicht! Ich bin froh, wenn ich auch mal ein wenig Ruhe habe. Also suchte ich nach einer geeigneten Person, der ich das zutrauen würde und die ich vorab entsprechend instruieren könnte. Mit Zahlen, Fakten und Quellen zur Seite stehen könnte…. Nach langer Suche hatte ich dann einen jungen Mann gefunden, der auch bei mir in der Selbsthilfegruppe ist und damit auch einen Bezug zu unserer Region und den Problemen in unserer Region hat. Er erklärte sich sofort bereit dazu und freute sich riesig darauf.

Als ich dann der Uni diesen jungen Mann vorschlug, hieß es nur, dass sie jemand anderen gefunden hatten. Einen Trans* Mann aus Münster bei Bielefeld, knapp 700 Kilometer weit weg.

Nun gut, dachte ich, das ist schade für Samuel, den jungen Trans* Mann, den ich gebeten hatte, den Vortrag zu halten. Aber für ihn und für mich war das trotzdem kein Problem.

Dann kam die Ankündigung des Vortrags an der Uni Konstanz……… Der Vortrag sollte den Titel haben:

„Transidentität: Individuelle Perspektiven und gesellschaftliche Wirkung“

Die Beschreibung des Vortrags lautete:

„Was ist eigentlich ‚Transidentität“? Die meisten Menschen kommen mit dieser Frage eher selten in Berührung, denn sie identifizieren sich gemeinhin mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht. Trifft dies aber nicht zu und ein Junge wird in einem Mädchenkörper geboren oder umgekehrt, beginnt für sie ein langer – oftmals sehr schwieriger – Prozess, um zu verstehen, was eigentlich das Problem ist und wie es zu lösen sein kann. Gerade in den letzten Jahren outen sich immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als transident. Welche Folgen hat dies für Organisationen wie etwa eine Universität? Was bedeutet die Änderung des §22 (3), Perso­nenstandgesetz, mit der Möglichkeit ‚divers“ als einen dritten positiven Geschlechtseintrag? Wie wirken diese Entwicklungen in unsere Gesellschaft?“

Ich musste schon echt stark schlucken, als ich das gelesen hatte… Mal ganz abgesehen von diesem furchtbaren Bild, das so gar nichts mit dem TDoR zu tun hat und eher an ein Kaffeekränzchen erinnert…

Ich meine, ich bemühe mich seit 2016 unermüdlich, durch meine Vorträge an der Uni, an Schulen und sozialen Einrichtungen, durch meine Selbsthilfeinitiative mit inzwischen drei Selbsthilfegruppen, durch meine ständigen Medienauftritte, Zeitungsartikel, Lebensgeschichten in Magazinen in der Region, etc. diese Region hier aufzuklären. Und ich habe in den letzten Jahren gemerkt, wie die Akzeptanz und die Freundlichkeit und die Offenheit mir und meinen Schützlingen gegenüber immer mehr, und mehr zunahm.

Unsere Region, Konstanz, der Hegau, ist aufgeklärt und weiß inzwischen echt recht gut, was „Transsexualität“ ist!

Wieso muss man da am Transgender Day Of Remembrance jemanden vom anderen Ende von Deutschland einladen um den Menschen hier in meiner Region zu erzählen was „Transidentität“ ist….???

Mal ganz abgesehen davon, dass ich sehr viel Wert auf die Begrifflichkeiten lege. „Transidentität“ ist in meinen Augen einfach falsch, weil es sich nicht um ein Problem der Identität handelt, sondern um ein Problem des Körpers. Die Identität kann sich im Laufe des Lebens ändern. Man identifiziert sich mit einer Sache oder einem Gefühl. Das kann sich aber durch soziale Ereignisse und Konstrukte, Erlebnisse, Erfahrungen verändern. Dann identifiziert man sich vielleicht plötzlich mit etwas Anderem. (Mehr dazu hier)

Aber wo ist der Bezug zum TDoR??? Wo ist das Gedenken an die Toten und Ermordeten??? Wo ist das Erinnern an die Gewalt und die Morde???

Spätestens jetzt war ich echt sauer…. 

Dieser Beitrag soll ja eigentlich ein Resüme zum Vortrag an sich werden. Kommen wir also zu diesem Vortrag an sich, der gestern also stattgefunden hat…..

…und es kam schlimmer…

Was soll ich nun also zu diesem Vortrag sagen…? Im Prinzip lässt sich das in ein paar wenigen Sätzen zusammenfassen:

Es waren, mit der Veranstalterin, Michelle und mir ingesamt etwa 17 oder 18 Personen anwesend.

Der Vortragende hat (fast) nur von seiner eigenen Powerpoint Präsentation abgelesen und so gut wie kaum etwas drum herum erzählt. Er hat zunächst „erklärt“ was „Transidentität“ ist und hat dabei tatsächlich auch, wie ich befürchtet hatte, die Identität, also das Psychische, das Gefühl einem anderen Geschlecht anzugehören, in den Vordergrund gestellt. Er hat ganz eindeutig festgestellt, dass es medizinisch nicht nachweisbar ist und deshalb nichts Körperliches sein kann.

Zugute halten muss ich, dass er dann allerdings von Studien sprach, die eigentlich das genaue Gegenteil besagen, nämlich die Ähnlichkeit zu Intersexualität hervorheben. Das körperliche Problem, die körperliche Veränderung, die schon im Mutterleib geschieht. Das erwähnte er aber nur am Rande und beiläufig.

Dann kam er zu einer Powerpoint Folie auf der in fetten Lettern stand, dass die Selbstmordrate bei transidenten Menschen bei 58% läge und dass dies die höchste Selbstmordrate überhaupt wäre. Ohne Quellenangabe oder sonstige Belege, erzählte er uns, dass sich mehr als die Häfte aller transidenten Menschen umbrächte.

Nun mal ehrlich, liebe Leute… meine Selbsthilfegruppen wären extrem leer und hätten eine unglaubliche Fluktuation und Unregelmässigkeit, wenn das der Fall wäre.

Nach dem Vortrag – ich hatte mich extra zurückgehalten, ihn nicht unterbrochen und keine einzige Fragen gestellt, weil ich die Menschen in meiner Region schon so einschätzte, dass sie selbst darauf kommen –  fragte ihn eine der Zuhörerinnen nach dieser Prozentzahl und nach Quellenangaben. Daraufhin meinte dieser Vortragende nur achselzuckend, dass eine hohe Zahl besser aussähe und er diese Zahl aus diesem Grund absichtlich künstlich erhöht habe…. wtf…????

Man muss nur „trans selbstmord statistik“ bei Google eintippen um zu erfahren, dass die Rate derer, die überhaupt mal einen Selbstmordversuch unternommen haben, aktuell bei ungefähr 35% liegt. Und damit sind nicht die gemeint, die damit auch erfolgreich waren!

Eine der nächsten Folien erzählte dann etwas über die Vornamens- und Personenstandsänderung, die seit Januar 2019 auch über den §45b PStG möglich sei. Dies aber nur, wenn man ein Attest hat, auf dem „Variable Geschlechtsentwicklung“ drauf stünde! Ja, natürlich las er das auch so vor und betonte „Variable Geschlechtsentwiklung“ mehrmals.

Ehm… w000t???  Variable Geschlechtsentwicklung?? Heißt das etwa, dass ich in drei, vier oder fünf Jahren plötzlich keine Frau mehr sein will??? Variabel????

Achja, Anfang 2019 wurde ja auch von der WHO entschieden, „Transidentität“ als ICD11 einzustufen. Vorher war „Transidentität“ als ICD10 eingestuft und deshalb eine psychische Krankheit. Seitdem es als ICD11 eingestuft sei, das übrigens erst 2022 gültig wird, wäre „Transidentität“ keine psychische Krankheit mehr. Würde aber von den Krankenkassen trotzdem weiterhin als Krankheit eingestuft, damit man die Leistungen bezahlt bekommt……………

Ja, liebe Leute, so stand es auf der Powerpoint Folie und so las er das auch vor. Dass ICD aber nur der Katalog der Krankheiten ist und dort immer alle Krankheiten drin stehen, das scheint ihm nicht bewusst zu sein. Genau so wenig, dass ICD10 und ICD11 nur die Versionen dieses Katalog sind und innerhalb des Katalogs Hunderte verschiedene Kategorien mit Kennzahlen dann erst die Einstufung vornehmen, das schien ihm ebenfalls nicht bewusst zu sein.

Dann waren wir mit der ersten Hälfte des Vortrages durch und uns wurde plötzich ein Bild eines kleinen Jungen gezeigt. Der restliche Vortrag, nämlich die komplette zweite Hälfte, erzählte er dann das Leben eines transidenten Jungen, bzw. Mannes, das ganz, ganz furchtbar gewesen sein muss. Folie auf Folie folgte und man sah, wie der Junge älter wurde, irgendwann in die Schule kam, auf eine Mädchenschule musste, Sänger werden wollte und mal Tenor und mal Sopran singen konnte oder wollte… und Probleme hatte eine Arbeit zu finden….

Die andere Hälfte seines Vortrags, eine ganze halbe Stunde lang, erzählte er sein eigenes Leben, das so schlecht nicht gewesen war. Nein, sogar relativ normal und behütet. Sein Papa hatte ihn als Jungen akzeptiert, seine Mama wollte ihn ab und an noch in Röcke stecken.

Das wars……..

Das war ein Vortrag, der so definitiv nicht hätte stattfinden dürfen.

Mal von den ganzen FehlernFehlinformationenfehlenden Quellenangabenfalschen Formulierungen und seiner völlig unbedeutenden Lebensgeschichte abgesehen, hatte dieser Vortrag absolut rein gar nichts mit Gedenken am Transgender Day of Remembrance zu tun.

Ich war froh, dass er vorbei war und mir bewusst, zwei Stunden meines Lebens mal so richtig verschwendet zu haben.

Ich weiß noch nicht, was ich am 20. November 2020 machen werde. Aber so etwas, wird in Konstanz definitiv nicht mehr passieren.


Update vom 17. August 2021:

Heute haben wir den 17. August 2021. Letztes Jahr, in 2020 fand in Konstanz gar kein #TDoR statt, weil sich die Uni nicht mehr gemeldet hatte nach dem Debakel von 2019 (Siehe oben). Und ehrlich gesagt, hatte ich nach dem Vortrag von 2019 und wie ich dort übergangen wurde, auch keine Lust mehr, mich mit der Uni auseinander zu setzen.

Und um ehrlich zu sein hatte ich mit der Oberbürgermeisterwahl in Konstanz, zu der ich ja auch kandidiert hatte, mehr als genug zu tun.

Jetzt haben wir August 2021 und bisher hat sich die Uni auch nicht mehr gemeldet. Keine Nachfrage, keine Anfage, keine Anstalten dieses Thema in irgendeiner Weise wieder aufzugreifen.

Soll ich wieder anfangen zu betteln?

Vielleicht gibt es ja eine andere Stelle, die einen Vortragsraum zur Verfügung stellen kann und dem Thema, vor allem auch mit regionalem Bezug offener gegenüber steht?

Sollte es da jemanden geben, die oder der mir einen Tip geben kann, wäre ich dankbar.

Liebe Grüße
Christin Löhner