Letzte Woche, kurz vor und um den 23. Juni 2021 herum, war ich wirklich tief beeindruckt, wie groß der Support plötzlich sein kann. Ich war stolz, wie viel Unterstützung wir plötzlich von „aller Welt“ bekamen.

Ungarn erlässt ein Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ und die UEFA verweigert den Protest dagegen durch eine, in Regenbogenfarben beleuchtete Allianz-Arena, anlässlich des EM-Gruppenspiels Deutschland gegen Ungarn.

Die Weigerung der UEFA hier ein klares und lautes Zeichen zu setzen, die Scheinheiligkeit eines trotzdem Regenbogenfarbenen UEFA-Logos und die verlogenen Statuten der UEFA, die die Diskriminierung bei sexuellen und geschlechtlichen Vielfalten verbot, waren der Anlass dazu, dass sich plötzlich scheinbar die ganze Welt auflehnte und die Regenbogenfahnen hisste.

Plötzlich wehten überall die Regenbogenfahnen. Urplötzlich waren alle Firmenlogos und Profilfotos im Internet in die Farben des Regenbogens getaucht. Auf einmal war der Support da und wie aus dem Nichts, war der Protest groß.

Doch so plötzlich dieser Sturm der Entrüstung kam, so plötzlich der Protest und der Support da waren, so plötzlich man sich auf einmal gegen das Unrecht an Menschen auflehnte, so plötzlich war es dann auch wieder weg und vorbei.

Sechs Tage nach diesem Spiel Ungarn gegen Deutschland – der Pridemonth ist noch nicht mal vorbei – sechs Tage nach dem Anlass des Sturms der Entrüstung, sind die meisten Firmenlogos wieder im eigenen Corporate Design, die Regenbogenfahnen wieder abgehängt.

Alles wirklich nur Pinkwashing!!??

Pingwashing, so nennt man das scheinheilige und vorübergehende Identifizieren mit den Farben, einer Einstellung oder eine Message einer Bewegung, Minderheit oder Gruppierung, um das eigene Marketing, die eigene Reputation, den eigenen Umsatz zu steigern.

Beispiele dafür ist ein einmaliger Werbespot der ein lesbisches Paar zeigt, eine Pink farbene Kaffeemaschine oder auch das kurzzeitige Anhängen einer Regenbogenfahne um einen, tatsächlich eigentlich nicht vorhandenen Support zu vertuschen und die Message für die eigene Marke zu nutzen.

Genau das ist das, was momentan hier in Deutschland passiert.

Statt sich dauerhaft für uns und gegen die menschenunwürdigen Zustände einzusetzen und das Zeichen mit uns zusammen wirklich dauerhaft und vor allem effektiv in die Welt hinaus zu tragen, wird für sechs Tage eine Regenbogenfahne aufgehängt, für nicht mal sechs Tage ein Fernsehsender-Logo eingefärbt, für nicht einmal sechs Tage in den Medien darüber berichtet, bis dann jeder und alles wieder zum Alltag zurückkehrt und alles beim Alten bleibt.

Schade. Ich hatte wirklich gehofft, dass ein wenig des Supports bestehen bleibt.

Aber dies bestärkt nur das Bild, was ich sonst so überall sehe:

Am Transgender Day of Visibility (#TDoV) oder am Tag gegen Homo- und Transphobie (#IDAHOBIT) geschlossen als Abgeordnete die Regenbogenfahne hissen, nur um dann einige Wochen später im Bundestag geschlossen als Partei gegen die Abschaffung des Transsexuellengesetzes abstimmen, das seit 1981 bereits so oft als verfassungswidrig eingestuft worden war.

Eine Drogenbeauftragte der Bundesregierung die jetzt mit Regenbogenbinde stolz neben anderen Demonstranten steht und vor vier Jahren mit einem Großteil der Union gegen die Ehe für Alle gestimmt hat.

Vor zwei Wochen hat die große Koalition gegen ein Selbstbestimmungsgesetz gestimmt und vor sechs Tagen plötzlich die Transgender- oder Regenbogenfahne hoch gehalten.

Und dass sich ausgerechnet Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, das Symbol der LGBTIQ*-Community aneignet, während sie gleichzeitig an den europäischen Grenzen und im Mittelmeer Tod und Folter von queeren Geflüchteten in Kauf nimmt, ist einfach nur Häme pur und Pinkwashing von Feinsten!

So geschieht es überall auf der Welt. Augenwischerei, Bauernfängerei und Wählerstimmen haschen und wenn es dann drauf ankommt und der Support wirklich gebraucht wird, dann weiß man plötzlich von nichts mehr und denkt nur noch an den eigenen Nutzen.

Leider – und da mögen mir jetzt Viele auch widersprechen – ist es mit den heutigen Christopher Street Day Paraden doch genau das Gleiche!

All die CSDs sind doch nur noch eine einzige Party. Die eigentliche Message die dahinter steckt, der Protest, die Auflehnung gegen willkürliche Polizeigewalt und den Hass gegen homosexuelle und transsexuelle Menschen, ist unterwegs so gut wie verloren gegangen.

Natürlich gibt es auf den CSDs auch Kundgebungen und Podiumsdiskussionen. Aber das ist heute nur noch Beiwerk. Halbherziges Alibi für die Schwulen und Lesben, mit dem sie die Party des Jahres rechtfertigen.

Stonewall was a riot!

Damals, 1969 sind vier transgender Menschen voraus gelaufen! Vier transgender Frauen führten die Demonstration damals in der Christopher Street an! Und heute sind die CSDs doch nur noch Schwulen- und Lesbenparaden.

Wir haben endlich die Ehe für alle. Homosexuelle Menschen dürfen endlich heiraten und haben inzwischen (fast) die gleichen Rechte wie heterosexuelle Ehepaare. Die Schwulen und Lesben feiern einen Erfolg nach dem Anderen und finden endlich Beachtung. Sie werden entschädigt und ihre Würde wird wiederhergestellt. Und auch das Blutspenden wird sicher sehr bald auch für homosexuelle Menschen geöffnet.

Wir transsexuelle Menschen werden unsichtbar gemacht und ignoriert. Wann sind wir endlich dran? Wann kümmert man sich um uns transsexuelle Menschen? Wann dürfen wir endlich darauf hoffen, dass unsere Würde geachtet wird?

Ich werde zusammen mit mut darum kämpfen, dass auch wir endlich mal dran sind! Ich werde zusammen mit mut in Baden-Württemberg dafür kämpfen, dass unsere Rechte wiederhergestellt werden! Ich werde mit mut darum kämpfen, dass endlich auch unsere Stimme Gehör findet!

Ich kämpfe für uns, nicht nur heute, sondern auch noch morgen!