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Ich wurde am 14. Juli 1972 in Berlin geboren. Irgendein weiss oder grün gekleideter Mensch sortierte mich damals, wohl aufgrund meiner äußerlichen Geschlechtsmerkmale, in die Kategorie “männlich” ein.

Meine leiblichen Eltern gehörten einer sehr bekannten alten, preußischen, aber leider inzwischen verarmten Adelsfamilie an. Da mein Vater ziemlich kriminell war, nahm das Jugendamt meinen Eltern meine beiden älteren Brüder weg. Aufgrund seiner kriminellen Machenschaften, kam mein Vater dann ins Gefängnis. Als er wieder heraus kam, zwang er meine Mutter zum Sex und als ich dann geboren war, zwang er sie, mich im zarten Alter von einem Monat zur Adoption frei zu geben, damit er seinen ältesten Sohn wieder bekommen konnte. 

In diesem Adoptionsheim ging es mir wohl nicht ganz so gut, wie mir erzählt wurde. Ich wurde oft und viel gehauen und alleine gelassen, ich musste stundenlang geschrien haben und bekam wohl auch nicht so regelmäßig was zu essen. Mit ungefähr vier Jahren wurde ich dann adoptiert von einem wunderbaren, mich sehr liebenden Lehrer-Ehepaar aus Baden-Württemberg. Diese nahmen mich mit und schließlich landeten wir in Wilhelmsdorf bei Ravensburg.

Wir alle kennen das: Ein kleiner 5 oder 6-jähriger Junge zieht sich die Hose runter und fummelt an seinem Pimmelmännchen herum. Das ist völlig normal und auch gut so, denn so lernt der kleine Mann sich und seinen Körper kennen.

In meinem Fall lernte ich so, dass bei mir irgendetwas nicht stimmen konnte, ich wusste damals nur noch nicht was.

Ständig und überall wurde ich als Junge eingeordnet. Sei es beim Schulsport, wenn es hieß Jungen gegen Mädchen und ich mich zu den Mädchen hin stellen wollte, oder auf dem Pausenhof, wenn ich viel lieber mit den Mädchen zusammen spielen wollte. Die Themen der Jungs interessierten mich nicht und die Mädchen wollten mich nicht.

„Du gehörst hier nicht her“, „Du bist ein Junge, wir wollen Dich nicht bei uns“. Solche und ähnliche Sprüche musste ich mir ständig anhören und ich verstand das alles zuerst nicht so richtig.

Es schien mir, dass Alles und Jeder gegen mich war und mich nicht verstand. Ständig hatte ich das Gefühl, etwas falsch zu machen und falsch zu sein. Dies führte schon im sehr jungen Kindesalter dazu, dass ich immer vorsichtiger, immer zurückhaltender, immer introvertierter wurde und jegliches Selbstbewusstsein verlor.

Ständig sagten mir alle, ich sei ein Junge und solle mich entsprechend verhalten. Ständig, jede Minute, war mir bewusst, dass ich irgendwie anders war und meine Umwelt mir etwas Falsches eintrichtern wollte. Ich war mir bewusst und absolut sicher, ein Mädchen zu sein.

Jeder sagte mir etwas Anderes und dies sorgte dann natürlich auch für Zweifel in mir selbst und die tiefe, innere Sorge, vielleicht verrückt zu sein.

Hinzu kamen dann natürlich mit der Zeit auch das Mobbing und vor allem das Alleinsein. Ich zog mich selbst immer mehr zurück, baute regelrecht eine dicke Mauer des Selbstschutzes um mich herum auf und bekam ständig das Gefühl vermittelt, falsch zu sein, egal wo ich hin ging. Die Mädchen wollten mich nicht, weil ich für sie ein Junge war und die Jungs wollten mich nicht, weil sie mich als „schwul“, „komisch“, „mädchenhaft“, „Weichei“ und „Mamasöhnchen“ ansahen.

Niemand wollte mich verstehen – niemand konnte mich verstehen. Mein Gott, nicht einmal ich selbst verstand mich!

Ich wusste nicht, was mit mir los war, ich hatte dafür keinen Namen, keine Bezeichnung, konnte mich nicht erklären. Ich wusste nur, etwas war falsch.

So zogen die Jahre ins Land und jedes einzelne war verdammt lang und voller Hürden. Aber es sollte noch viel Schlimmer kommen, nur wusste ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Ich wurde sieben, acht, neun und ich begann langsam, meinen eigenen Körper kennenzulernen. Ich musste lernen, dass dieser Zipfel da zwischen meinen Beinen wohl tatsächlich zu einem Jungen gehören musste und ich merkte, dass wohl alle recht haben mussten. Doch dazu stand im krassen Gegensatz das, was ich fühlte und was ich tief in meinem Innersten unumstößlich und sicher wusste: Ich bin ein Mädchen!

Ich wurde elf, zwölf, dreizehn Jahre alt und meine Pubertät begann. Plötzlich bekam ich Haare im Gesicht, womit ich nie gerechnet hatte. Ich kam in den Stimmbruch, meine Stimme senkte sich und was mich mit am allermeisten schockierte, war die Tatsache, dass mir keine Brüste wachsen wollten.

Ich begann alles und jeden zu hassen, vor allem aber hasste ich mich selbst. Natürlich merkte man das alles auch an meinen Schulnoten, weshalb sich meine Eltern dann auch Sorgen machten und mich zu verschiedenen Psychologen und Psychiatern schickten. Dort konnte und wollte ich aber nicht über mein Problem reden, weshalb die mir auch nicht helfen konnten.

Mir wurde, mit dreizehn Jahren, unumstößlich klar, dass bei mir etwas ganz gewaltig schiefgelaufen sein musste und ich nun in diesem falschen Gefängnis eines Jungenkörpers fest saß, obwohl ich doch ganz klar ein Mädchen war.

Mit 14 war ich auf einem Schüleraustausch in Frankreich für ein halbes Jahr.

Ich war bei einer Familie in der Nähe von Paris in einem Nebenort mit einem großen Park. In diesem Park saß ich stundenlang, fast jheden Tag und hört Musik.

Damals saß ich, schon seit gut anderthalb Stunden auf einer Parkbank, habe Musik gehört und vor mich hin geträumt, als plötzlich dieser , etwa 30 jährige Mann kam, sich neben mich setzte und anfing mich zu betatschen… Ich hätte aufstehen können, mich wehren können, weglaufen können. Aber ich tat nichts dergleichen. Nach etwa einer halben Stunde ist er aufgestanden und hat mir die Hand gereicht… und ich bin halt mitgegangen. Da war keinerlei Zwang dabei und ich war völlig unfähig, mich dem zu widersetzen.

Er führte mich aus dem Park, über die Straße und in ein Haus… Es folgten etwa zwei-einhalb Stunden echter Sex mit einem anderen Mann – mein erster Sex überhaupt.

Heute weiß ich, dass das damals natürlich eine Vergewaltigung war. Doch damals empfand ich es als nicht so schlimm. Ich war 14 und wusste einfach nicht, wie ich hätte reagieren sollen. Und trotz meiner eigenen Probleme mit mir selbst und meiner eigenen Verschlossenheit und Introvertiertheit, war ich trotzdem sehr offen für sexuelle Reize.

Trotzdem verursachte das natürlich noch viel mehr Chaos in meiner Psyche und ich hatte schließlich die Befürchtung, einfach nur schwul zu sein.

Als ich wieder Zu Hause war, gab es dann eine Szene, wo ich mit einem Teppichmesser auf meinem Bett saß und mir meinen Penis selbst abschneiden wollte. Nun ja, ich habe es natürlich nicht getan, weil ich Angst hatte vor dem vielen Blut und der Sauerei und so.

Ich gab irgendwo in mir drin meinen Eltern die Schuld für all das und so wurde mein Verhältnis zu ihnen natürlich auch nicht besser. Die Tatsache, dass ich ein Adoptivkind war und meine Adoptiveltern nach meiner Adoption noch zwei eigene Kinder zur Welt brachten, tat sein Übriges und ich sagte mir, dass meine Eltern mich nicht liebten, nicht lieben konnten. Ich wurde extrem bockig, trotzig und immer schwieriger.

Kurz darauf, mit ungefähr 15 Jahren, gab ich auf… ich resignierte. Ich sagte zu mir: „Alex, es ist wohl so wie es ist, du bist ein Kerl, also leb damit!“.

Ich begann diese Maske die alle anderen in mir sahen, aufrecht zu erhalten. Ich wollte nicht mehr gemobbt werden. Ich wollte nicht mehr falsch sein, egal wo hin ich ginbg. Ich wollte dazu gehören. Ich wollte akzeptiert werden.

Also tat ich von da an alles, um als ganzer Kerl durch zu gehen. Ich trainierte meinen Körper, machte Bodybuilding, machte Leistungssport, Leichtathletik und wurde 2. Deutscher Jugendmeister im Hochsprung. Ich begann mit Kampfsport.

Ich begann meine eigenen Gefühle, mein eigenes Wissen um mich und mein Geschlecht, mein eigenes Ich zu verdrängen. Ich verdrängte alles und die Mauer um mich herum wurde dadurch nur noch dicker.

Mit 16 haute ich das erste Mal von Zu Hause ab und ging nach Ravensburg, wo ich mich zu den dortigen Punks gesellte. Es gab damals auch eine Geschichte, wo ich im Wiener Wald in Ravensburg die Zeche prellte und von der Polizei aufgelesen wurde. Mein Vater holte mich dann von der Polizei ab.

Mit 18 haute ich dann noch mal und endgültig von Zu Hause ab, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe und mein Leben leben wollte. Damals bin ich nach Ulm gekommen, wo ich ganz fürchterlich abgestürzt bin. Ich wurde drogenabhängig, habe alles genommen woran ich gekommen bin, also Kokain, Crack, Speed, Ecstasy, LSD, etc… und ich habe mich ungefähr fünf Jahre lang prostituiert, war Stricher, habe alles mit mir machen lassen, solange ich Geld dafür bekommen habe.

Dann, mit 23 habe ich mich selbst aus diesem Sumpf wieder hervorgekämpft. Habe mit Hilfe befreundeter Prostituierten einen kalten Entzug gemacht, eine Wohnadresse gefunden, eine Lehre angefangen und auch abgeschlossen.

Während dieser Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, wurde ich dann zweimal innerhalb eines halben Jahres aufs brutalste von drei Männern gleichzeitig vergewaltigt.

Das wäre damals fast mein Tod gewesen, denn natürlich hatte ich damals – und auch schon davor – zahlreiche Selbstmordversuche. Trotzdem habe ich dann die Lehre erfolgreich abgeschlossen, nachdem ich sogar das zweite Lehrjahr übersprungen habe.

All diese Ereignisse und Erlebnisse geschahen in der Rolle eines Mannes. Ja, eines sehr weiblichen, vielleicht sogar schwul anmutenden Mannes, aber eines Mannes. Ich war so in dieser Rolle des Kerls drin, dass ich viele, viele Jahre lang mein eigentliches „Problem“ verdrängt habe.

Ich spielte diese Rolle eines Mannes, weil ich das ganze Mobbing, die Brultalität mir gegenüber, die Schläge, diese ganze Falschheit und falschen Gedanken, nicht mehr wollte und los haben wollte. Ich wollte nicht aufliegen, nicht entlarvt werden, als ein Psychopath oder etwas ähnliches. Deshalb behielt ich dieses Kostüm, diese Verkleidung, diese Maske eines Mannes auf und spielte seine Rolle.

Es geschah dann erst in 2007, als mir die Augen geöffnet wurden und ich dann endlich erfuhr, was tatsächlich mit mir los war. Und ich erfuhr, dass es dafür auch eine Lösung gab!

Ich verschlang regelrecht sämtliche Artikel, Informationen zu Transgeschlechtlichkeit und ich las jede Lebensgeschichte, jede Erzählung anderer transgeschlechtlicher Menschen. Und – ich fand mich in jeder Geschichte wider.

Es dauerte dann noch 8 Jahre, bis 2015, bis ich dann tatsächlich endlich allen Mut zusammen hatte, um diesen großen Schritt, diesen Weg auch zu gehen und meinen Körper dem angleichen zu lassen, was ich seit der Grundschule eh schon wusste.

Inzwischen bin ich soweit mit allem durch, bin vor dem Gesetz weiblich, habe meinen Namen von Alexander Löhner auf Christin Löhner ändern lassen, bin seit Juni 2016 in der Hormon-Ersatz-Therapie, hatte am 22.01.2018 meine Geschlechtsangleichende Operation (GaOP) und am 29.08.2018 die entsprechende kosmetische Korrektur-Operation in München-Bogenhausen bei Dr. Markovsky. Am 08.02.2019 hatte ich nun auch noch meine Brustaufbau-Operation in München-Erding bei Dr. Taskov. Logopädie ist ebenfalls am laufen, Barthaarepilation ist zwar noch geplant, aber noch nicht terminlich eingetaktet. Dies erachte ich auch für mich persönlich als nicht so wichtig.

Ich bin inzwischen ganz in meinem weiblichen Körper angekommen und sehr, wirklich sehr glücklich darüber und über meinen Weg.

Ich betrachte mich selbst als Aktivistin. Ich bin eine Frau mit transgeschlechtlicher Vergangenheit und als Solche kenne ich die Steine, Hürden und Schwierigkeiten, die ein solcher Mensch auf seinem Weg zur Seite räumen muss. Ich wurde früher in der Schule sehr viel gemobbt und hatte in meiner Verzweiflung unzählige Selbstmordversuche. Die Gesetzeslage für transgeschlechtliche Menschen in Deutschland ist katastrophal und menschenrechtswidrig. Aus all diesen Gründen kämpfe ich für die Rechte Menschen aus dem gesamten LGBTTIQ* Spektrum, vor allem aber natürlich für die von transgeschlechtlichen Menschen.

Ich habe im September 2016 die Selbsthilfeinitiative VDGE e.V. gegründet, die ich seither auch sehr erfolgreich leite (aktuell ca. 58 Mitglieder). Die VDGE e.V. kümmert sich inzwischen im gesamten deutsch sprachigen Raum um Peerberatung und Selbsthilfe für transgeschlechtliche und intergeschlechtliche Menschen.

Ich halte Seminare, Workshops und Vorträge über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Akzeptanz, Toleranz, Mobbing oder auch Homo- und Transphobie an Universitäten, Schulen und sozialen Einrichtungen und leiste so Präventionsarbeit und Aufklärung. Ich berate und begleite rund 150 transgeschlechtliche Personen deutschlandweit auf ihrem Weg und stehe ihnen mit Hilfe und Ratschlägen in Rechtsfragen, oder mit Tipps und Antworten zu Hormonen, Operationen, Ärzten, sowie Mode- und Stilberatung zur Seite.

Inzwischen bin ich sogar fester Bestandteil des Lehrplans der Pflegeausbildung am Schwarzwald Baar Klinikum in Villingen, in dem ich dort einmal im halben Jahr zwei Doppelstunden zur Verfügung habe um den Pflege Auszubildenden die Themen LGBT, Queer, Diversität, Vielfalt, Transgeschlechtlichkeit und Intergeschlechtlichkeit  nahe zu bringen und um sie für diese Themen zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, wie sich mit solchen Menschen in der Pflege umgehen sollten.

Außerdem bin ich sehr aktiv und möglichst oft in sämtlichen Medien vertreten, um auch so für die Belange von transgeschlechtliche Menschen zu kämpfen und einzustehen. Es gibt bereits mehrere Fernsehdokumentationen über mich und mein Leben auf Sat.1, VOX und anderen Fernsehsendern, unzählige Zeitungsberichte und Vieles mehr. Auch als Talkgast war ich bereits auf Sat.1 bei "Britt - Der Talk" oder auf ORF in der „Barbara Karlich Show“ vertreten. (Siehe meine “Presse” Seite)

2018 haben meine Frau Michelle und ich in Stockach geheiratet und wir waren damals das erste gleichgeschlechtliche und transgeschlechtliche Ehepaar in Baden-Württemberg. Auch das wurde wieder von allen Medien begleitet und es wurde im Fernsehen darüber berichtet.

Ich habe vor einiger Zeit meine eigene Autobiographie geschrieben, die natürlich noch viel, viel mehr erzählt und viel mehr ins Detail geht. Sie lohnt sich.