Über mich

Ich bin 54 Jahre alt und wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, fällt es mir manchmal selbst schwer zu glauben, dass all das tatsächlich in ein einziges Leben passt. Es gab Zeiten, in denen ich überzeugt davon war, dass ich keine Zukunft habe. Es gab Menschen, die mich verletzt, enttäuscht oder verlassen haben, und Momente, in denen ich nicht mehr leben wollte. Es gab aber genauso Menschen, die mich aufgefangen, geliebt und unterstützt haben. Ich habe geliebt, verloren, geweint, gekämpft, programmiert, organisiert, demonstriert, beraten, unterrichtet, geschrieben, gebaut und immer wieder Neues gelernt. Vor allem aber bin ich immer wieder aufgestanden und habe weitergemacht.

Heute bin ich Christin Löhner. Ich bin Frau, Ehefrau, Tochter, Mutter, Informatikerin, Webentwicklerin, Linux Administratorin, Autorin, Aktivistin, Beraterin, Bastlerin und Makerin und wahrscheinlich noch einiges mehr. Vor allem bin ich jemand, der Dinge verstehen möchte. Ich möchte wissen, warum etwas funktioniert und warum etwas nicht funktioniert. Wenn mir etwas nicht gefällt, versuche ich es zu verändern. Wenn etwas kaputt ist, versuche ich es zu reparieren. Wenn es etwas, das ich brauche, nicht gibt, baue ich es mir eben selbst. Dieser Drang zieht sich durch mein gesamtes Leben und verbindet viele Dinge miteinander, die auf den ersten Blick vielleicht überhaupt nichts miteinander zu tun haben.

Geboren wurde ich am 14. Juli 1972 in Berlin Schöneberg. Als kleines Kind wurde ich adoptiert und kam zu meinen Adoptiveltern nach Wilhelmsdorf in Baden Württemberg. Sie ermöglichten mir eine behütete Kindheit, förderten mich und standen später auch in einer der wichtigsten Phasen meines Lebens hinter mir. Erst viele Jahrzehnte später sollte ich die Hintergründe meiner Adoption wirklich verstehen und erfahren, wie viel Zwang und tragische Umstände damals eine Rolle gespielt hatten. Meine Adoptivfamilie und meine leibliche Familie gehören heute beide zu meiner Geschichte.

Schon sehr früh merkte ich, dass mit der Rolle, die mir aufgrund meines Körpers zugewiesen worden war, etwas nicht stimmte. Ich hatte als Kind natürlich keinen Begriff für Transgeschlechtlichkeit und wusste nicht, dass andere Menschen Ähnliches erleben. Ich wusste nur, dass die Welt in mir etwas anderes sah als ich selbst. Mit der Pubertät wurde dieser Konflikt immer stärker. Mein Körper entwickelte sich in eine Richtung, die sich für mich falsch anfühlte, während gleichzeitig von mir erwartet wurde, mich immer stärker in einer männlichen Rolle einzurichten. Irgendwann versuchte ich deshalb sogar, besonders männlich zu sein. Wenn die Welt unbedingt einen Kerl in mir sehen wollte, dann sollte sie eben einen bekommen. Rückblickend weiß ich, dass das vor allem ein Schutzmechanismus war.

Trotz dieses inneren Konflikts hatte ich schon als Kind unglaublich viele Interessen. Mit vier Jahren begann ich Geige zu spielen, mit sechs kam Klavier dazu. Ich bekam eine fundierte musikalische Ausbildung und spielte später in Orchestern, häufig als Erste Geige. Auch Sport gehörte zu meinem Leben. Ich betrieb Leichtathletik, spezialisierte mich auf Hochsprung und erreichte einen zweiten Platz bei Deutschen Juniorenmeisterschaften. Ich schwamm leidenschaftlich gerne und tue das bis heute. Meine Schulzeit endete 1989 mit der Mittleren Reife. Später engagierte ich mich beim Deutschen Roten Kreuz im Rettungsdienst und als Ersthelferin, absolvierte erfolgreich eine IHK Ausbildung im Einzelhandel und leistete 1997 meinen Wehrdienst bei den Funkern.

Eine der wichtigsten Entwicklungen meines Lebens begann in Berlin. Computer hatten mich schon seit meiner Kindheit fasziniert. Mein Weg führte vom Commodore 64 über Amiga und Atari zu den ersten PCs. In den späten neunziger Jahren entdeckte ich Linux und etwas später die Webentwicklung. Linux war für mich von Anfang an mehr als nur ein Betriebssystem. Mich faszinierte die Freiheit, ein System nicht einfach benutzen zu müssen, sondern es verstehen, verändern und den eigenen Bedürfnissen anpassen zu können. Ich arbeitete mit SuSE und Red Hat, später mit Debian, Gentoo, Arch Linux und sogar Linux From Scratch. Parallel lernte ich HTML, CSS, JavaScript, PHP, Datenbanken und Serveradministration.

Aus einem Hobby wurde immer stärker mein Beruf. Gleichzeitig war ich Teil der frühen Internetcommunity, in der Wissen über Chats, Foren und kleine Projekte weitergegeben wurde. Wir lernten voneinander und halfen uns gegenseitig. Ich entwickelte unter anderem mit dem APBoard mein eigenes PHP Forensystem. Ein anderes Projekt sollte mich noch sehr viel länger begleiten. Der Linuxcounter existierte bereits seit 1993 und versuchte, Linux Nutzer weltweit zu erfassen. Als ich Jahre später bemerkte, dass dieses historische Projekt technisch praktisch stehen geblieben war, nahm ich Kontakt zum Betreiber auf und übernahm es schließlich. Von 2011 bis 2018 führte und modernisierte ich den Linuxcounter. Dass ich über Jahre die Verantwortung für ein Stück Linux Geschichte tragen durfte, macht mich bis heute stolz.

Aus meiner Begeisterung für Linux und das Web entstand eine berufliche Laufbahn, die inzwischen seit mehr als 25 Jahren anhält. Von 2015 bis 2022 arbeitete ich als Head of IT und Webentwicklung bei der Akademie für Sport und Gesundheit in Radolfzell. Seit Oktober 2022 arbeite ich als Senior Fullstack Webdeveloperin und Infrastructure Engineer bei der keeen GmbH. Heute gehören Linux, komplexe Serverinfrastrukturen, Docker, Netzwerke, Firewalls, Datenbanken, Automatisierung, Webanwendungen, IT Sicherheit und Cloudsysteme zu meinem beruflichen Alltag.

Meine technische Neugier endet aber nicht mit Feierabend. Raspberry Pis, Arduino, ESP8266 und ESP32 brachten irgendwann Elektronik und Software zusammen, später kam der 3D Druck hinzu. 2022 baute ich mir einen eigenen Wall E aus dem 3D Drucker, mit Raspberry Pi, Arduino und Servomotoren. Heute konstruiere ich Bauteile in Blender, beschäftige mich mit CNC Technik, Schrittmotoren und Mikrocontrollern, betreibe eigene Server und habe unser Haus mit Home Assistant umfassend automatisiert. Wenn vorhandene Software nicht das tut, was ich möchte, entwickle ich auch heute noch gerne meine eigene. Technik ist für mich Beruf, Hobby, Spielplatz und manchmal auch Rückzugsort zugleich.

Während sich dieser Teil meines Lebens immer weiterentwickelte, konnte ich einen anderen irgendwann nicht mehr verdrängen. Im Oktober 2015 hatte ich mein Coming out als transgeschlechtliche Frau. Dieser Schritt war gleichzeitig einer der befreiendsten und schmerzhaftesten meines Lebens. Beziehungen zerbrachen, meine Familie wurde auseinandergerissen und die Beziehung zu meinem Sohn brach ab. Ich geriet mehrfach in psychische Situationen, in denen ich keinen Ausweg mehr sah, und es gab Suizidversuche. Dass ich heute hier sitze und meine Geschichte erzählen kann, ist deshalb für mich keineswegs selbstverständlich.

Gleichzeitig begann ich nach meinem Coming out zum ersten Mal wirklich als ich selbst zu leben. Ich suchte nach anderen transgeschlechtlichen Menschen und stellte fest, wie wenige Hilfsangebote es damals in meiner Region gab. Also gründete ich selbst eine Selbsthilfegruppe. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine umfangreiche Selbsthilfe und Beratungstätigkeit und später die VDGE e.V., die Vereinigung von Menschen mit Variante der Geschlechtsentwicklung. Ich beriet transgeschlechtliche Menschen und ihre Angehörigen, erklärte medizinische und rechtliche Abläufe, begleitete Menschen auf ihrem Weg und versuchte vor allem zu vermitteln, dass niemand damit vollkommen allein sein muss.

Parallel ging meine eigene Transition weiter. 2016 begann meine Hormonersatztherapie. Im selben Jahr durchlief ich das damalige Verfahren nach dem Transsexuellengesetz zur Änderung meines Namens und Personenstandes. Am 11. November 2016 wurde der Beschluss rechtskräftig und ich war nun auch vor dem Gesetz Christin Sophie Löhner und weiblich. Im Januar 2018 folgte meine erste geschlechtsangleichende Operation, im August eine weitere Operation und 2019 ein Brustaufbau. Mein Körper war damit endlich an einem Punkt angekommen, von dem ich als Kind nicht einmal gewusst hatte, dass er überhaupt erreichbar sein könnte.

In einer der schwierigsten Phasen meines Lebens lernte ich Michelle näher kennen. Wir kannten uns zunächst aus einer Selbsthilfegruppe. Als es mir psychisch immer schlechter ging, begann sie, sich um mich zu kümmern, hörte mir zu und ließ nicht locker. Aus Freundschaft und Vertrauen entstand Liebe. Im Oktober 2018 heirateten wir und unsere Hochzeit erhielt besondere Aufmerksamkeit, weil wir als erstes transgeschlechtliches und gleichgeschlechtliches Ehepaar in Baden Württemberg heirateten. Michelle begleitet mich inzwischen seit vielen Jahren. Wir haben Transitionen, Operationen, Umzüge, öffentliche Aufmerksamkeit, politische und gesellschaftliche Arbeit und natürlich auch den ganz normalen Wahnsinn des Alltags gemeinsam erlebt.

Meine eigene Geschichte führte dazu, dass ich immer stärker öffentlich aktiv wurde. Ich wollte anderen Menschen Mut machen und gleichzeitig dafür sorgen, dass Transgeschlechtlichkeit sichtbarer und verständlicher wird. Ich gründete und organisierte Selbsthilfe, hielt Vorträge und Seminare, gab Interviews und trat in verschiedenen Medien auf. Es gab Berichte und Dokumentationen im Fernsehen, Auftritte unter anderem beim ORF, bei VOX und später bei Britt auf Sat.1. Meine Autobiographie „trans(*)parent" entstand ebenfalls aus diesem Gedanken. Ich wollte meine Geschichte schonungslos und gleichzeitig menschlich erzählen und damit vielleicht Menschen erreichen, die selbst gerade glauben, keinen Weg mehr vor sich zu sehen.

Auch gesellschaftlich und politisch wurde ich zunehmend aktiv. Beim Christopher Street Day in Konstanz übernahm ich zunächst organisatorische Aufgaben und stand 2017 schließlich vor ungefähr 7.000 Menschen auf einer Bühne, um mit Politikerinnen und Politikern über eine Reform des damaligen Transsexuellengesetzes zu diskutieren. Für jemanden, der früher extrem introvertiert war und kaum Selbstbewusstsein besaß, war das eine enorme Entwicklung. 2018 wurde ich Erste Vorsitzende des CSD Konstanz. 2019 führte ich gemeinsam mit Michelle und Tessa Ganserer den ersten Trans Pride in Stuttgart an.

Im selben Jahr wurde ich Landesvorsitzende in Baden Württemberg bei der Allianz für Menschenrechte, Tier und Naturschutz und gab im Oktober meine Kandidatur für das Amt der Oberbürgermeisterin von Konstanz bekannt. Anfang 2020 zog ich meine Kandidatur zugunsten von Luigi Pantisano zurück, weil er mit einem ähnlichen Programm antrat und ich nicht wollte, dass wir uns gegenseitig Stimmen wegnehmen. Später wechselte ich zur Partei mut und gehörte von Oktober 2021 bis Februar 2025 deren Bundesvorstand an, wo ich mich insbesondere mit Frauen und Queerpolitik sowie technischen Themen beschäftigte. Mein parteipolitisches Engagement hat sich inzwischen verändert, meine Überzeugungen aber nicht. Menschenwürde, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und der Widerstand gegen Diskriminierung sind für mich keine abstrakten politischen Begriffe, sondern Themen, deren Bedeutung ich aus meinem eigenen Leben kenne.

Besonders wichtig wurde mir deshalb auch die Bildungsarbeit. Ich hielt Vorträge an Schulen und anderen Einrichtungen und wurde schließlich regelmäßig als Dozentin in der Pflegeausbildung zweier Kliniken eingesetzt. Dort vermittelte ich angehenden Pflegekräften Wissen über LGBT Themen und insbesondere über den Umgang mit transgeschlechtlichen Menschen. Diese Form der Aufklärung ist mir bis heute wichtig, weil sie ganz konkret etwas verändern kann. Wenn ein Mensch aufgrund dieses Wissens später respektvoller behandelt wird, dann hat sich die Arbeit gelohnt.

Neben diesem gesellschaftlichen Engagement entwickelte sich meine technische Haltung ebenfalls weiter. Aus meiner jahrzehntelangen Begeisterung für Linux und Open Source entstand zunehmend eine intensive Beschäftigung mit digitaler Souveränität. Ich möchte nicht nur wissen, ob Technik funktioniert, sondern auch, wem unsere Daten gehören, wer unsere Systeme kontrolliert und welche Abhängigkeiten wir durch große Plattformen und Cloudanbieter eingehen. Open Source, Self Hosting und digitale Unabhängigkeit sind für mich deshalb längst nicht mehr nur technische Entscheidungen, sondern Fragen der Selbstbestimmung.

Aus dieser Überzeugung entstand auch mein kleines Unternehmen chrislo.de. Dort verbinde ich Linux, IT Sicherheit, Server, Self Hosting, digitale Unabhängigkeit, Smart Home und inzwischen auch künstliche Intelligenz. Ich arbeite mit großen Sprachmodellen, Automatisierung und KI Agenten, experimentiere mit lokalen Modellen und beschäftige mich damit, wie künstliche Intelligenz sinnvoll genutzt werden kann, ohne die Kontrolle über die eigenen Daten vollständig abzugeben. Mit lsbt.me betreibe ich außerdem eine eigene Mastodon Instanz für die LGBTQ Community. Auch darin steckt etwas, das mich schon seit den Anfängen des Internets begleitet, nämlich der Wunsch, Räume und Systeme nicht nur zu benutzen, sondern sie selbst mitzugestalten.

Mein Leben besteht trotzdem nicht nur aus Erfolgen. Ich habe Fehler gemacht, Menschen verloren und Entscheidungen getroffen, die ich heute anders treffen würde. Die Trennung von meinem Sohn gehört zu den schmerzhaftesten Dingen meines Lebens und es gibt Wunden, die nicht einfach verschwinden, nur weil andere Teile des Lebens irgendwann gut werden. Ich habe lernen müssen, dass ein glückliches Leben nicht bedeutet, dass alles Vergangene plötzlich geheilt ist. Die eigene Geschichte bleibt ein Teil von einem selbst, aber irgendwann kann man lernen, dass sie einen nicht mehr vollständig beherrschen muss.

Eine der erstaunlichsten Wendungen meiner Geschichte kam erst sehr spät. Nachdem ich meine leibliche Mutter wiedergefunden hatte und zwischen uns über die Jahre eine enge Beziehung entstanden war, fragte sie mich 2024, ob sie mich wieder adoptieren dürfe. Im Mai 2025 wurde diese Rückadoption rechtskräftig. Mehr als fünf Jahrzehnte nachdem ich als kleines Kind von meiner leiblichen Mutter getrennt worden war, war ich vor dem Gesetz wieder ihre Tochter. Damit schloss sich ein Kreis, von dem ich niemals gedacht hätte, dass er sich in meinem Leben noch schließen würde.

Wenn ich heute auf diese 54 Jahre schaue, erkenne ich darin einen roten Faden, der mir früher selbst gar nicht so bewusst war. Sehr vieles in meinem Leben hatte mit Freiheit und Selbstbestimmung zu tun. Als Kind wollte ich die Freiheit haben, das Mädchen sein zu dürfen, das ich war. Bei Linux faszinierte mich die Freiheit, ein System verstehen und verändern zu dürfen. Bei meiner Transition ging es um die Freiheit, über meinen eigenen Körper und mein eigenes Leben bestimmen zu können. Bei meiner gesellschaftlichen Arbeit ging es darum, dass auch andere Menschen selbstbestimmt und gleichberechtigt leben können. Bei meiner heutigen Beschäftigung mit digitaler Souveränität geht es wiederum darum, Kontrolle über die eigene Technik und die eigenen Daten zu behalten.

Ich mag keine Blackboxes, weder in Computern noch im Leben. Ich möchte verstehen, was dahintersteckt, und möglichst selbst entscheiden können. Vielleicht erklärt das auch, warum ich mit 54 noch immer neue Projekte anfange, als hätte ich unbegrenzt Lebenszeit zur Verfügung. Ich kann mich stundenlang mit einem Linux Problem beschäftigen, einen 3D Drucker auseinandernehmen, eine CNC Fräse konstruieren, an Home Assistant basteln oder eine neue Anwendung programmieren, einfach weil ich wissen möchte, ob und wie es funktioniert. Diese Neugier habe ich mir bewahrt und sie gehört genauso zu mir wie meine gesellschaftliche Arbeit und meine Lebensgeschichte.

Ich weiß heute, was ich geleistet habe, und ich kann darauf stolz sein, ohne daraus zu machen, dass in meinem Leben alles richtig gelaufen wäre. Ich habe ein Leben überlebt, das mich mehrfach beinahe umgebracht hätte. Ich habe aus meinen eigenen Erfahrungen etwas gemacht, das anderen Menschen helfen konnte. Ich habe Selbsthilfe aufgebaut, Menschen beraten, Vorträge gehalten und Pflegekräfte unterrichtet. Ich habe auf Bühnen gestanden, demonstriert und politische Verantwortung übernommen. Ich habe Bücher geschrieben, Projekte und Organisationen aufgebaut und ein historisches Linux Projekt über Jahre weitergeführt. Gleichzeitig habe ich mir über Jahrzehnte Wissen in Informatik, Linux, Webentwicklung, Netzwerktechnik, Elektronik und vielen anderen Bereichen erarbeitet und aus einer frühen Leidenschaft meinen Beruf gemacht.

Vielleicht besteht meine größte Leistung trotzdem nicht in irgendeinem dieser einzelnen Punkte. Vielleicht besteht sie schlicht darin, dass aus dem verängstigten Kind, das nicht verstand, warum es anders war, irgendwann eine Frau geworden ist, die weiß, wer sie ist und die sich nicht mehr verstecken muss. Ich mache noch immer Fehler, kann leidenschaftlich, stur, emotional und wahrscheinlich auch ganz schön anstrengend sein. Ich will häufig zu viele Dinge gleichzeitig und kann mich stundenlang in technische Details verbeißen. Genau diese Eigenschaften haben mir im Leben manches Problem eingebrockt, aber sie haben mich auch immer wieder vorangebracht.

Wenn ich meinem jüngeren Ich heute etwas sagen könnte, würde ich ihm deshalb wahrscheinlich nicht erzählen, was alles passieren wird. Es würde mir ohnehin kein Wort glauben. Ich würde ihm einfach sagen, dass es durchhalten soll. Dass sehr viel passieren wird, manches wunderschön und manches furchtbar schmerzhaft, aber dass es irgendwann morgens in den Spiegel schauen und dort die Frau sehen wird, die es schon immer gesehen hat, wenn es die Augen geschlossen hat. Dass es Menschen helfen, Bücher schreiben, Computer programmieren, Server betreiben, Roboter bauen, im Fernsehen sitzen, vor tausenden Menschen auf einer Bühne stehen und mit über fünfzig noch immer irgendeinen technischen Blödsinn anfangen wird. Wahrscheinlich würde dieses Kind spätestens dann endgültig glauben, ich hätte sie nicht mehr alle.

Ich habe sehr lange gebraucht, um mein eigenes Leben leben zu dürfen. Jetzt, wo ich es habe, möchte ich es auch benutzen. Dazu gehören meine Vergangenheit und meine Narben genauso wie meine Erfolge, meine Familie, Michelle, meine Technik, meine Musik, meine Bücher, mein Aktivismus, meine Neugier und mein manchmal grenzenloser Dickkopf. Wenn ich heute auf diese 54 Jahre zurückblicke, sehe ich deshalb nicht mehr zuerst, was alles schiefgelaufen ist. Ich sehe, was daraus geworden ist. Ich sehe ein alles andere als geradliniges Leben, in dem ich mehrfach geglaubt habe, am Ende angekommen zu sein und trotzdem immer wieder etwas Neues angefangen habe. Vor allem aber sehe ich mein Leben, mit allem, was dazugehört, und darauf bin ich heute verdammt stolz.