Mein Abschied von Facebook, Instagram, Twitter, Youtube und Whatsapp

Warum dieser Schritt so wichtig ist

Es gibt Entscheidungen im Leben, die fallen nicht plötzlich vom Himmel. Sie wachsen langsam, beinahe unmerklich, wie ein Gedanke, der immer wieder anklopft und irgendwann so laut geworden ist, dass man ihn nicht mehr ignorieren kann. Mein Abschied von Facebook, Instagram, Twitter beziehungsweise X, YouTube und WhatsApp war genau so eine Entscheidung. Sie entstand nicht aus einer spontanen Laune heraus und auch nicht aus irgendeinem kurzfristigen Ärger über eine Plattform. Sie war vielmehr das Ergebnis eines langen Nachdenkens über die Rolle von Technologie in unserer Gesellschaft, über Macht, über Abhängigkeit und über die Frage, wem die digitale Infrastruktur gehört, auf der wir inzwischen einen großen Teil unseres Lebens verbringen.

Ich habe mich viele Jahre intensiv mit diesen Themen beschäftigt, sowohl beruflich als Informatikerin als auch persönlich als jemand, der sich seit Jahrzehnten mit freier Software, offenen Systemen und digitaler Selbstbestimmung auseinandersetzt. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass zwischen meinen Überzeugungen und meinem eigenen Verhalten eine immer größere Lücke entstanden war. Auf der einen Seite schreibe ich über digitale Souveränität, über die Gefahren von technologischen Monopolen und über die wachsende Abhängigkeit Europas von wenigen globalen Plattformkonzernen. Auf der anderen Seite habe ich selbst weiterhin genau diese Plattformen genutzt. Diese Erkenntnis hat mich irgendwann nicht mehr losgelassen.

Der endgültige Schritt kam, als ich mir ehrlich eingestanden habe, dass soziale Netzwerke längst keine neutralen Werkzeuge mehr sind, mit denen Menschen einfach nur miteinander kommunizieren. Sie sind hochkomplexe Systeme zur Analyse menschlichen Verhaltens, zur Steuerung von Aufmerksamkeit und zur ökonomischen Verwertung sozialer Beziehungen geworden. Die Kommunikation zwischen Menschen ist dort nicht das Ziel, sondern das Rohmaterial. Sie ist der Stoff, aus dem Daten entstehen, und diese Daten sind der eigentliche Wert dieser Plattformen.

Ich wollte irgendwann nicht mehr Teil dieses Systems sein.

Deshalb habe ich Facebook, Instagram, Twitter beziehungsweise X, YouTube und WhatsApp verlassen und mich stattdessen bewusst für dezentrale, offene Alternativen entschieden. Wer wissen möchte, welche Plattformen ich heute nutze und warum, findet eine Übersicht auf dieser Seite: https://www.christin-loehner.de/soziale-medien

Dieser Schritt war für mich kein Rückzug aus der digitalen Welt, sondern das genaue Gegenteil. Er war ein Schritt zurück in eine digitale Umgebung, die sich wieder nach Freiheit, Selbstbestimmung und echter Kommunikation anfühlt.


Warum ich Facebook verlassen habe

Facebook war einmal ein Ort, der tatsächlich so etwas wie eine digitale Begegnungsplattform war. Menschen haben dort Fotos geteilt, Kontakte gepflegt, Veranstaltungen organisiert und Diskussionen geführt. Viele Erinnerungen aus dieser Zeit sind positiv, und ich glaube, dass viele Menschen diese Phase des Internets noch immer nostalgisch in Erinnerung haben. Doch diese Zeit ist längst vorbei. Facebook hat sich über die Jahre fundamental verändert, und mit dieser Veränderung hat sich auch seine Rolle in unserer Gesellschaft verschoben.

Heute ist Facebook vor allem eines: eine gigantische Infrastruktur zur sozialen Vermessung von Menschen. Jede Interaktion, jede Reaktion, jedes Foto, jeder Kommentar und jede Verbindung zwischen zwei Personen ist ein Datenpunkt in einem System, das darauf ausgelegt ist, menschliches Verhalten so präzise wie möglich zu analysieren. Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, welche Inhalte jemand bewusst veröffentlicht. Es geht darum, wie lange jemand bei einem Beitrag stehen bleibt, welche Themen emotional reagieren lassen, welche Personen miteinander kommunizieren und welche Gruppen gemeinsame Interessen oder politische Haltungen widerspiegeln.

Der Newsfeed, der nach außen hin wie eine einfache chronologische Sammlung von Beiträgen wirkt, ist in Wirklichkeit ein hochkomplexes algorithmisches System zur Steuerung von Aufmerksamkeit. Facebook entscheidet nicht neutral, was Menschen sehen. Die Plattform berechnet ständig, welche Inhalte am wahrscheinlichsten eine Reaktion auslösen, und priorisiert genau diese Inhalte. Dabei zeigt sich immer wieder ein problematisches Muster: Inhalte, die starke Emotionen hervorrufen, die Empörung erzeugen oder Konflikte verstärken, verbreiten sich deutlich stärker als differenzierte oder ruhige Beiträge.

Diese Dynamik verändert langfristig nicht nur einzelne Diskussionen, sondern ganze gesellschaftliche Debatten. Wenn die Sichtbarkeit von Inhalten von emotionaler Eskalation abhängt, dann verschiebt sich automatisch der Ton öffentlicher Gespräche. Differenzierung wird schwieriger, Nuancen verschwinden und extreme Positionen bekommen unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig gehört diese gesamte Infrastruktur einem einzigen Konzern. Ein Unternehmen entscheidet darüber, welche Regeln gelten, welche Inhalte sichtbar bleiben und welche verschwinden, welche Daten gesammelt werden und wie diese Daten weiterverarbeitet werden. Diese Machtkonzentration ist aus meiner Sicht hochproblematisch, weil sie einen großen Teil unserer digitalen Öffentlichkeit in private Hände legt.

Ich habe irgendwann begriffen, dass ich meine sozialen Beziehungen nicht länger über eine Plattform organisieren möchte, deren Geschäftsmodell darin besteht, genau diese Beziehungen zu analysieren und ökonomisch auszuwerten. Facebook ist längst kein neutraler Kommunikationsraum mehr. Es ist ein System, das soziale Interaktionen in verwertbare Daten verwandelt.

Das war für mich der Punkt, an dem ich gegangen bin.


Warum ich Instagram verlassen habe

Instagram wirkt auf den ersten Blick oft weniger problematisch als Facebook. Die Plattform erscheint visuell, leicht, fast spielerisch. Bilder von Reisen, von Landschaften, von Menschen, von Kunst oder von alltäglichen Momenten erzeugen eine Atmosphäre, die zunächst positiv und inspirierend wirken kann. Doch auch hier zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass hinter dieser Oberfläche ein System arbeitet, das stark von algorithmischer Logik geprägt ist.

Instagram ist nicht einfach eine Plattform, auf der Menschen Fotos teilen. Es ist eine Plattform, die Wahrnehmung formt. Der Algorithmus entscheidet darüber, welche Bilder sichtbar werden, welche Inhalte Reichweite bekommen und welche Accounts wachsen können. Diese Entscheidungen sind nicht neutral, sondern orientieren sich an Engagement, Interaktionen und Verweildauer.

Das führt langfristig dazu, dass sich Inhalte immer stärker an den Erwartungen des Systems orientieren. Menschen lernen, welche Arten von Bildern gut funktionieren und welche kaum Beachtung finden. Dadurch verändert sich die Art und Weise, wie Inhalte produziert werden. Beiträge entstehen nicht mehr nur aus einem persönlichen Impuls heraus, sondern zunehmend aus dem Wissen darüber, wie der Algorithmus reagiert.

Diese Dynamik erzeugt eine Kultur der Selbstinszenierung, die mit der Realität oft nur noch wenig zu tun hat. Instagram wird zu einer Bühne, auf der Menschen versuchen, möglichst perfekte Ausschnitte ihres Lebens zu präsentieren. Die Plattform belohnt ästhetische Optimierung, permanente Präsenz und eine bestimmte Form von visueller Attraktivität.

Gleichzeitig sammelt Instagram enorme Mengen an Daten darüber, welche Inhalte Menschen betrachten, wie lange sie diese betrachten und wie sie darauf reagieren. Aus diesen Informationen entstehen detaillierte Profile über Interessen, Vorlieben und emotionale Reaktionen.

Für mich hat sich irgendwann die Frage gestellt, ob ich Teil eines Systems sein möchte, das menschliche Wahrnehmung so stark beeinflusst und gleichzeitig aus jedem Blick, aus jeder Interaktion und aus jeder Emotion ein Datensignal macht. Die Antwort auf diese Frage wurde für mich immer klarer.

Ich wollte meine Bilder nicht länger in einer Umgebung teilen, die Aufmerksamkeit zu einer Währung gemacht hat.


Warum ich Twitter beziehungsweise X verlassen habe

Twitter war lange Zeit ein faszinierender Ort für öffentliche Diskussionen. Die Plattform hatte eine besondere Dynamik, weil sie Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammengebracht hat: Journalistinnen, Wissenschaftler, Aktivistinnen, Politiker, Entwickler und viele andere. In den besten Momenten konnte Twitter ein Raum sein, in dem Ideen schnell verbreitet wurden und in dem Menschen miteinander ins Gespräch kamen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.

Doch auch Twitter war immer ein System, das stark von algorithmischer Aufmerksamkeit geprägt war, und diese Logik hat sich in den letzten Jahren deutlich verschärft. Besonders seit der Umwandlung zu X hat sich der Charakter der Plattform massiv verändert. Moderationsstrukturen wurden umgebaut, Regeln verändert und die Rolle des Eigentümers ist deutlich sichtbarer geworden.

Damit ist ein grundlegendes Problem deutlich geworden: Wenn eine Plattform, die für viele Menschen eine wichtige Rolle in der öffentlichen Kommunikation spielt, faktisch von einer einzelnen Person kontrolliert wird, dann ist diese Plattform kein neutraler Raum mehr. Entscheidungen über Sichtbarkeit, Moderation und Regeln können jederzeit verändert werden, ohne dass die Nutzerinnen und Nutzer eine echte demokratische Mitsprache haben.

Diese Situation führt zu einer enormen Machtkonzentration. Ein einzelner Eigentümer kann über algorithmische Änderungen oder Plattformregeln Einfluss darauf nehmen, welche Stimmen gehört werden und welche weniger sichtbar sind. In einer Zeit, in der soziale Netzwerke eine wichtige Rolle für politische und gesellschaftliche Debatten spielen, halte ich diese Form von Macht für äußerst problematisch.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich nicht länger Teil eines Systems sein möchte, in dem ein globaler Kommunikationsraum faktisch von der Agenda einzelner Personen abhängig ist.


Warum ich YouTube verlassen habe

YouTube erscheint vielen Menschen zunächst als neutrale Plattform für Videos, doch auch hier zeigt sich bei genauerem Hinsehen die gleiche grundlegende Logik wie bei anderen großen Plattformen. Die Inhalte, die Menschen sehen, werden nicht einfach chronologisch angezeigt, sondern durch ein komplexes Empfehlungssystem ausgewählt.

Dieses System analysiert ständig, welche Videos angeklickt werden, wie lange Menschen sie ansehen, wann sie abbrechen und welche Inhalte danach folgen. Auf dieser Grundlage berechnet der Algorithmus, welche Videos am wahrscheinlichsten dazu führen, dass Menschen noch länger auf der Plattform bleiben.

Das Ziel dieser Mechanismen ist nicht primär Information oder Bildung, sondern maximale Verweildauer. Je länger Menschen auf YouTube bleiben, desto mehr Werbung kann ausgespielt werden, und desto profitabler wird die Plattform.

Diese Logik hat langfristige Auswirkungen auf die Art von Inhalten, die produziert werden. Creator passen ihre Videos an die Erwartungen des Algorithmus an. Dramatische Titel, emotional aufgeladene Themen und stark zugespitzte Inhalte funktionieren häufig besser als differenzierte Analysen.

Das Ergebnis ist ein Medienökosystem, das stark von algorithmischen Interessen geprägt ist. Inhalte werden nicht nur nach ihrer Qualität bewertet, sondern danach, wie effektiv sie Aufmerksamkeit binden.

Ich wollte meine Aufmerksamkeit nicht länger in ein System investieren, dessen zentrale Logik darin besteht, mich möglichst lange festzuhalten.


Warum ich WhatsApp verlassen habe

WhatsApp ist vermutlich die Plattform, deren Verlassen für viele Menschen am schwierigsten erscheint. Der Grund dafür ist einfach: WhatsApp ist für Milliarden Menschen zu einer zentralen Kommunikationsinfrastruktur geworden. Familien, Freundeskreise, Arbeitsgruppen und Vereine organisieren ihre Gespräche dort.

Doch genau diese zentrale Rolle macht die Plattform problematisch.

WhatsApp gehört zu Meta, demselben Konzern, der auch Facebook und Instagram betreibt. Zwar sind die Inhalte der Nachrichten Ende-zu-Ende verschlüsselt, doch Kommunikation besteht nicht nur aus den Inhalten selbst. Sie besteht auch aus Metadaten: Wer kommuniziert mit wem, wie häufig, zu welchen Zeiten und in welchen Gruppen.

Diese Metadaten können extrem viel über soziale Netzwerke und persönliche Beziehungen verraten. Sie zeigen, wie Menschen miteinander verbunden sind, welche Gemeinschaften existieren und wie sich Kommunikationsmuster im Laufe der Zeit verändern.

Ein Konzern, der diese Daten kontrolliert, besitzt eine detaillierte Karte sozialer Beziehungen.

Für mich war irgendwann klar, dass ich meine privaten Gespräche und meine sozialen Kontakte nicht länger über eine Plattform organisieren möchte, deren Eigentümer ein globaler Werbekonzern ist.


Wohin ich gegangen bin

Mein Abschied von diesen Plattformen bedeutet nicht, dass ich soziale Medien aufgegeben habe. Ich habe mich lediglich bewusst für andere Plattformen entschieden, die auf offenen Standards, Dezentralisierung und Transparenz basieren.

Heute nutze ich Netzwerke aus dem sogenannten Fediverse, darunter Mastodon, Pixelfed, PeerTube und Friendica. Diese Plattformen funktionieren grundlegend anders als klassische soziale Netzwerke, weil sie nicht einem einzelnen Unternehmen gehören. Stattdessen bestehen sie aus vielen miteinander verbundenen Servern, die von unterschiedlichen Menschen und Organisationen betrieben werden.

Wer wissen möchte, welche Plattformen ich genau nutze und wo man mich dort findet, kann das hier nachlesen: https://www.christin-loehner.de/soziale-medien


Warum dieser Schritt so wichtig ist

Digitale Infrastruktur ist längst zu einem zentralen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Plattformen, auf denen Kommunikation stattfindet, beeinflussen auch, wie Informationen verbreitet werden, wie Meinungen entstehen und wie öffentliche Debatten geführt werden.

Wenn diese Infrastruktur von wenigen globalen Konzernen kontrolliert wird, entsteht eine enorme Machtkonzentration. Diese Macht basiert nicht nur auf Technologie, sondern auch auf Daten und Aufmerksamkeit.

Deshalb halte ich es für wichtig, dass Menschen sich bewusst machen, welche Plattformen sie nutzen und welche Strukturen sie damit unterstützen.

Mein Abschied von Facebook, Instagram, Twitter, YouTube und WhatsApp war für mich ein Schritt hin zu mehr digitaler Selbstbestimmung. Er war der Versuch, meine eigenen Überzeugungen konsequent umzusetzen und mich von Systemen zu lösen, deren Geschäftsmodell auf der Analyse und Verwertung menschlicher Beziehungen basiert.

Dieser Schritt ist nicht immer bequem. Viele Menschen sind an diese Plattformen gewöhnt, und der Wechsel zu alternativen Netzwerken erfordert manchmal ein wenig Umdenken.

Aber genau darin liegt auch eine Chance.

Denn das Internet muss nicht zwangsläufig von wenigen Konzernen dominiert werden. Es kann auch ein Raum sein, der von offenen Technologien, von gemeinschaftlich betriebenen Plattformen und von echter digitaler Selbstbestimmung geprägt ist.

Und genau deshalb war dieser Schritt für mich so wichtig.
 

Comments

No Comments

Write comment

* These fields are required