Die zerbrechlichen Ketten der Bequemlichkeit

Ein Plädoyer für die digitale Emanzipation Europas

von Christin Löhner

Es gibt Momente, in denen sich der technologische Fortschritt nicht wie ein Aufstieg anfühlt, sondern wie ein langer, schleichender Fall in eine Abhängigkeit, die man erst dann erkennt, wenn man bereits am Grund angekommen ist. Für mich war einer dieser Momente der Tag, an dem ich mein Samsung Galaxy S24 Ultra zur Seite legte und es gegen ein Fairphone der sechsten Generation in schlichtem Schwarz eintauschte. Auf den ersten Blick wirkt dieser Tausch wie ein Rückschritt. Hier das glitzernde Flaggschiff eines globalen Konzerns, dessen Rechenleistung vor wenigen Jahren noch ganze Rechenzentren gefüllt hätte, und dort ein Gerät, das seine Schrauben stolz nach außen trägt und dessen Philosophie wichtiger ist als seine Megapixel-Anzahl. Dieser Wechsel war jedoch kein technisches Downgrade, sondern ein bewusster Akt der Selbstbefreiung. Er war der konsequente Schritt in einer Reise, die ich als Informatikerin, als Aktivistin und als Bürgerin dieses Kontinents längst begonnen hatte: weg von der Abhängigkeit, hin zu einer Souveränität, die wir als Gesellschaft, als Europa, als Demokratie dringend zurückgewinnen müssen, bevor es dafür zu spät ist.

Ich sage das nicht als jemand, der Technologie ablehnt. Ich nutze Linux seit 1998. Ich betreibe Server, konfiguriere Docker-Umgebungen, administriere eine eigene Mastodon-Instanz. Ich liebe Technologie. Aber ich habe gelernt, einen entscheidenden Unterschied zu erkennen: zwischen Technologie, die mir dient, und Technologie, die mich ausnutzt.

Die Narkose der Bequemlichkeit

Wir alle kennen das verführerische Flüstern der modernen Technikwelt. Es funktioniert doch einfach. Windows startet, das iPhone schmiegt sich in die Hand, das Paket von Amazon liegt morgen früh vor der Haustür. Eine Welt ohne Reibung, eine Welt der maximalen Effizienz, eine Welt, in der die Komplexität des Lebens elegant hinter bunten Benutzeroberflächen versteckt wird. Doch wir müssen uns die unbequeme Frage stellen, die uns niemand in der Werbung stellt: Was ist der wahre Preis für diese Reibungslosigkeit?

Dieser Preis ist kein kleiner. Wir haben uns in eine technologische Leibeigenschaft begeben, die so komfortabel eingerichtet ist, dass wir die Ketten kaum noch spüren. Die Bequemlichkeit ist keine Geste des Wohlwollens seitens der Konzerne, sondern ein hochentwickeltes Instrument der Bindung. Sie ist die Narkose, unter der man uns die Kontrolle über unsere Daten, unsere Werkzeuge und unsere Infrastruktur entnommen hat, während wir schliefen und unsere Musikplaylists streamten. Wer die Kontrolle über seine digitalen Werkzeuge abgibt, gibt nicht nur etwas Abstraktes auf, er gibt ein Stück seiner Würde, seiner Selbstbestimmung und im weitesten Sinne seiner politischen Freiheit ab.

Wenn wir ehrlich sind, haben wir uns in eine globale Situation hineinmanövriert, in der eine Handvoll Konzerne aus dem Silicon Valley darüber entscheidet, wie wir kommunizieren, wie wir arbeiten, wie wir bezahlen und wie wir denken. Microsoft hat Windows auf Millionen von Behördenrechnern installiert, deren Quellcode die zuständigen Ministerien niemals einsehen dürfen. Google filtert durch seinen Suchalgorithmus, was wir als Information wahrnehmen und was im digitalen Nichts versinkt. Meta entscheidet darüber, welche Stimmen auf seinen Plattformen sichtbar sind und welche im Schatten des Shadowbannings verschwinden. Amazon hat sich zur unverzichtbaren Handelsinfrastruktur emporgeschwungen und gleichzeitig den lokalen Handel systematisch ruiniert. Das ist kein freier Markt. Das ist ein sorgfältig konstruiertes System der Abhängigkeit.

CrowdStrike: Der Warnschuss, den niemand hören wollte

Im Sommer 2024 hat uns die Wirklichkeit eine Lektion erteilt, die härter war als jede politische Rede und eindrücklicher als jedes Manifest. Ein einziges fehlerhaftes Software-Update der US-amerikanischen Sicherheitsfirma CrowdStrike legte weltweit 8,5 Millionen Windows-Systeme lahm. Krankenhäuser mussten Operationen verschieben. Flughäfen versanken im Chaos, weil Check-in-Systeme und Gepäckförderanlagen ausfielen. Banken konnten keine Transaktionen mehr verarbeiten. Notrufsysteme gerieten unter Druck. Der wirtschaftliche Gesamtschaden belief sich auf deutlich mehr als zehn Milliarden Dollar, und das alles innerhalb weniger Stunden, ausgelöst durch eine einzige Änderung in einer einzigen Datei eines einzigen Unternehmens mit Sitz in den Vereinigten Staaten.

Man muss sich das in seiner vollen Ungeheuerlichkeit vorstellen: Die digitale Infrastruktur einer gesamten Zivilisation, von Intensivstationen über Flughafenterminals bis hin zu Supermarktkassen, war so tief in die Monokultur eines einzigen proprietären Betriebssystems und eines einzigen Sicherheitsdienstes eingewoben, dass ein einzelner Fehler alles zum Stillstand brachte. Und während Windows-Rechner weltweit den berüchtigten Bluescreen zeigten, liefen Linux-Systeme ungestört weiter. Nicht weil Linux magisch wäre, sondern weil seine offene, modulare Architektur eine fundamentale Resilienz bietet, die propriätäre Systeme strukturell nicht erreichen können. Der CrowdStrike-Schock war kein Unglück. Er war die logische Konsequenz einer Architektur der Zentralisierung, die wir selbst gebaut haben, und er war ein Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wenn wir unseren Kurs nicht korrigieren.

Ich spreche dabei nicht nur von einem unangenehmen Tag für IT-Abteilungen. Ich spreche von einem systemischen Versagen, das Leben gefährdet hat. Wenn Krankenhäuser in einer vernetzten Welt auf proprietäre US-Software angewiesen sind, um Patientendaten abzurufen und Operationspläne einzusehen, dann haben wir Technologieabhängigkeit zu einer Frage von Leben und Tod gemacht. Das ist der Punkt, an dem Diskussionen über Betriebssysteme aufhören, Nerd-Debatten zu sein, und zu zivilisatorischen Grundsatzfragen werden.

Die geopolitische Zeitbombe

Es ist naiv, Technologie als politisch neutral zu betrachten. In einer Welt, in der Daten das neue Öl sind und Algorithmen die Produktionsmittel der Informationsgesellschaft darstellen, ist Software das neue Heerwesen. Die USA mögen historisch unsere Verbündeten sein, aber ihre Technologiekonzerne sind die Speerspitze nationaler Machtinteressen, und das US-amerikanische Recht macht dabei keine Ausnahmen für europäische Empfindlichkeiten.

Der CLOUD Act, der Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act, ist in diesem Zusammenhang das wichtigste Gesetz, von dem die meisten Europäer noch nie gehört haben. Er verpflichtet jedes US-amerikanische Unternehmen dazu, US-Behörden Zugriff auf gespeicherte Daten zu gewähren, völlig unabhängig davon, wo auf der Welt diese Daten physisch gespeichert sind. Das bedeutet in aller Klarheit: Wer seine Unternehmensdaten, seine Kommunikation oder seine staatlichen Akten auf den Servern von Microsoft, Google oder Amazon verwaltet, der hat de facto der NSA, dem FBI und jeder weiteren US-Behörde, die eine entsprechende Anordnung erwirkt, freien Zugang zu diesen Daten gewährt. Die Europäische Datenschutzgrundverordnung ist vor diesem Gesetz schlicht machtlos. Es ist keine paranoide Verschwörungstheorie, es ist geltendes US-Recht: Jede europäische Behörde, die Microsoft 365 nutzt, begeht strukturell einen permanenten, systemischen Geheimnisverrat.

Diese Rechtslage allein wäre schon alarmierend genug. Doch es kommt eine politische Dimension hinzu, die in den vergangenen Jahren eine beängstigende Kontur angenommen hat. Wir beobachten die zunehmende Verschmelzung von politischer Macht und technologischer Kontrolle. Plattformen wie X, das frühere Twitter, werden unter der Ägide von Eigentümern mit explizit politischer Agenda zu Instrumenten der Meinungsformierung umgebaut. Inhalte werden nicht mehr nach ihrer Relevanz oder ihrer Wahrhaftigkeit kuratiert, sondern nach ihrer Nützlichkeit für bestimmte politische Narrativen. Kritische Berichterstattung verschwindet, während Desinformation algorithmisch verstärkt wird, weil sie Klicks und Empörung erzeugt. Wenn ein Tech-Milliardär mit klarer politischer Agenda die Algorithmen einer Plattform kontrolliert, auf der Millionen Europäerinnen und Europäer politische Informationen beziehen, dann ist das keine Frage des Medienkonsums mehr. Das ist eine direkte, weitgehend unregulierte Einmischung in die europäische Demokratie.

Ein freies Europa braucht eine eigene Infrastruktur des öffentlichen Diskurses. Es kann sich nicht leisten, die Grundlagen seiner demokratischen Kommunikation an Plattformen auszulagern, deren Eigentümer sich offen zu politischen Projekten bekennen, die den europäischen Werten diametral entgegenstehen.

Der wirtschaftliche Aderlass

Man muss über Geld reden, weil das Geld die härteste Sprache der Realität ist. Jede Windows-Lizenz, die eine Schule kauft, jedes AWS-Abonnement, das ein Mittelständler abschließt, jede Google-Werbeanzeige, die ein Unternehmen schaltet, ist ein Kapitaltransfer vom europäischen Wirtschaftsraum in die Kassen von Konzernen, die ihrerseits über komplexe Steuerkonstruktionen sicherstellen, dass von diesen Milliardenbeträgen so wenig wie möglich als Steuern in Europa verbleibt. Amazon nutzt unsere Straßen, schützt sich durch unsere Polizei, bildet Arbeitnehmer durch unser Bildungssystem aus und trägt dabei einen verschwindend kleinen Teil zur Finanzierung dieser Gemeinschaft bei. Das ist nicht das Ergebnis eines freien Marktes, das ist das Ergebnis eines Systems, das Ausbeutung legalisiert hat.

Das eigentlich Perfide aber liegt eine Ebene tiefer: Indem wir unsere gesamte digitale Existenz über US-Plattformen abwickeln, liefern wir diesen Konzernen kostenlos den wertvollsten Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Unsere Daten. Unsere Interaktionen, unsere Suchanfragen, unsere Kaufhistorien, unsere Kommunikation, unsere beruflichen Dokumente, all das fließt in die Trainingsdaten der großen KI-Modelle von Microsoft, Google und Meta ein. Wir sind die unbezahlten Rohstofflieferanten der amerikanischen Künstlichen-Intelligenz-Revolution. Und das Perverse daran ist der nächste Schritt: Diese Konzerne verpacken unsere eigenen Daten in teure KI-Dienste und verkaufen sie uns anschließend für horrende Lizenzgebühren zurück, während sie gleichzeitig die Berufsfelder und Industrien verdrängen, aus denen sie ihr Wissen bezogen haben. Das ist digitaler Kolonialismus in Reinform. Europa liefert das Gold und kauft anschließend den Schmuck zurück.

Das Kapitel der öffentlichen Hand ist in diesem Zusammenhang besonders beschämend. Unsere Schulen konditionieren Kinder von klein auf darauf, Software als ein Mietprodukt eines US-Konzerns zu verstehen, weil der Unterricht auf Microsoft Teams und Google Classroom stattfindet. Unsere Ministerien kommunizieren über Systeme, deren Quellcode sie nicht kennen und nicht prüfen dürfen. Unsere Krankenhäuser verwalten Patientendaten auf Servern, die dem US-amerikanischen Behördenzugriff rechtlich ausgeliefert sind. Und all das wird finanziert durch Steuergelder, also durch die Bürgerinnen und Bürger, die damit gleichzeitig die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ebenjener Konzerne subventionieren, die ihre eigene wirtschaftliche Souveränität untergraben. Es ist diese Logik, auf die das Prinzip „Public Money, Public Code" eine direkte und überzeugende Antwort gibt: Software, die mit öffentlichen Geldern entwickelt oder beschafft wird, muss der Öffentlichkeit gehören, muss offengelegt sein, muss von lokalen Unternehmen gewartet werden können und muss auf europäischer Infrastruktur laufen.

Die Alternative existiert. Sie heißt Freiheit.

Es wäre unehrlich und letztlich wirkungslos, nur die Gefahren zu benennen, ohne zu zeigen, dass der Weg aus der Abhängigkeit nicht nur denkbar, sondern praktikabel ist. Die Alternative zur digitalen Leibeigenschaft ist nicht der Rückzug in die Steinzeit, sondern die bewusste Entscheidung für eine Technologie, die uns respektiert. Diese Alternative existiert, sie ist ausgereift, sie ist in vielen Bereichen technisch überlegen, und sie erfordert weniger Opfer als ihre Gegner uns weismachen wollen.

Linux ist heute so benutzerfreundlich wie nie zuvor in seiner Geschichte. Wer das letzte Mal vor zehn Jahren einen Blick auf ein Linux-System geworfen hat und dabei eine kryptische Textwüste gesehen hat, kennt die heutige Realität nicht. Distributionen wie Fedora, Pop!_OS oder Zorin OS bieten Benutzeroberflächen, die Windows 11 nicht nur ebenbürtig sind, sondern es in Eleganz und Konsequenz übertreffen. Fedora etwa setzt auf die modernsten verfügbaren Technologien und beweist, dass Innovation und Sicherheit keine Gegensätze sind. Zorin OS bietet Windows-Umsteigern eine so vertraute Oberfläche, dass der Wechsel sich nicht wie ein Sprung ins Unbekannte, sondern wie das Ankommen in einem saubereren Zuhause anfühlt. Und all diese Systeme haben eines gemeinsam: Sie senden keine Telemetriedaten nach Redmond. Sie zwingen niemanden, sich mit einer Konto-E-Mail-Adresse anzumelden, um den eigenen Computer starten zu können. Sie installieren keine Werbung im Startmenü. Sie gehören dem Nutzer.

Die Entscheidung für Linux ist dabei mehr als eine technische Präferenz. Sie ist eine politische Handlung. Wer Linux nutzt, entzieht Microsoft die Kontrolle über einen weiteren Bildschirm. Wer seine E-Mails über einen europäischen Anbieter wie mailbox.org versendet, statt sie durch die Server von Google oder Microsoft zu schleusen, entzieht dem US-amerikanischen Geheimdienstzugriff einen weiteren Kommunikationskanal. Wer Signal statt WhatsApp nutzt, verweigert Meta den Zugriff auf seinen sozialen Graphen, also auf die Gesamtheit seiner Beziehungen, Kommunikationsrhythmen und sozialen Verbindungen, aus denen politische Einstellungen, Gesundheitszustand und sexuelle Orientierung mit erstaunlicher Präzision abgeleitet werden können. Signal, betrieben von einer gemeinnützigen Stiftung ohne Aktionärsinteressen, speichert faktisch nichts. Wenn Behörden anklopfen, was sie regelmäßig tun, kann Signal lediglich das Datum der Kontoeröffnung und das Datum der letzten Anmeldung liefern. Das ist alles. Die Architektur des Systems lässt mehr schlicht nicht zu.

Für die eigene Datenhaltung bietet Nextcloud eine vollwertige Alternative zu Google Drive, iCloud und OneDrive, die sich auf einem eigenen Server bei Hause oder bei einem europäischen Hoster wie Hetzner betreiben lässt und damit nicht nur vollständig unter der eigenen Kontrolle steht, sondern auch dem US CLOUD Act entzogen ist. Nextcloud ersetzt dabei nicht nur den Cloudspeicher, sondern auch den Kalender, die Kontaktverwaltung und sogar Videokonferenzdienste wie Zoom oder Teams, und tut dies ohne das geringste Interesse daran, welche Dokumente man dort ablegt. Das Gleiche gilt für die Suche im Netz: Ecosia nutzt seine Werbeeinnahmen für das Pflanzen von Bäumen und erstellt keine Nutzerprofile. Startpage, mit Sitz in den Niederlanden und damit unter europäischem Recht, leitet Anfragen anonym an Google weiter und liefert dessen Ergebnisqualität, ohne dem Konzern die Möglichkeit zu geben, den Suchenden zu identifizieren.

Die Hardwareebene ist in dieser Betrachtung nicht weniger wichtig als die Software. Das Fairphone, hergestellt von einem niederländischen Unternehmen mit dem Fokus auf faire Lieferketten und maximale Reparierbarkeit, verdient einen iFixit-Score von zehn von zehn Punkten und beweist damit, dass geplante Obsoleszenz keine technische Notwendigkeit ist, sondern eine Geschäftsentscheidung. Der Akku lässt sich in Sekunden wechseln. Die Kamera kann durch ein neueres Modul ersetzt werden, wenn die Technologie veraltet ist. Das Gerät ist nicht auf zwei Jahre Lebenszeit ausgelegt, sondern auf ein Jahrzehnt. Framework tut dasselbe für Laptops: Alle Komponenten sind austauschbar, erweiterbar, reparierbar. Man kauft kein Gerät, das man nach drei Jahren wegwirft, sondern ein Werkzeug, das mit einem wächst. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll. Das ist das konsequente Gegenteil des Geschäftsmodells, das Apple und Samsung perfektioniert haben.

Dezentralisierung als demokratisches Prinzip

Ich betreibe mit lsbt.me eine eigene Mastodon-Instanz für die LGBTQ+-Community. Das ist kein Hobby am Rande meiner anderen Aktivitäten, sondern Ausdruck einer tiefen Überzeugung: Marginalisierte Gemeinschaften, Menschen, deren Sichtbarkeit und Würde täglich von politischen Stimmungen und algorithmischen Entscheidungen abhängen, dürfen ihre Kommunikationsräume nicht in den Händen von Konzernen lassen, die ihrer Existenz gegenüber gleichgültig oder feindlich eingestellt sind. Die Sichtbarkeit von transgeschlechtlichen Menschen, von queeren Jugendlichen, von Menschen in Krisensituationen darf nicht davon abhängen, ob ein Algorithmus in San Francisco ihren Inhalten gerade wohlgesonnen ist oder nicht. Dezentrale Netzwerke wie Mastodon und das breitere Fediverse sind keine romantische Utopie, sondern eine funktionierende Alternative, die beweist, dass digitale Gemeinschaft ohne Überwachungskapitalismus möglich ist. Sie ist nicht so glatt, nicht so komfortabel optimiert für maximalen Suchtcharakter wie Instagram oder TikTok. Aber sie gehört ihren Mitgliedern. Das macht den Unterschied.

Hetzner, der Nürnberger Serveranbieter, betreibt seine Rechenzentren in Deutschland und Finnland und unterliegt vollständig europäischem Recht. OVH aus Frankreich, Netcup aus Deutschland, all das sind Unternehmen, die europäische Datensouveränität strukturell ermöglichen, einfach dadurch, dass ihre Systeme nicht dem CLOUD Act unterworfen sind. Die Entscheidung für einen europäischen Hostinganbieter statt für AWS oder Azure ist keine ideologische Marotte, sondern eine rationale Entscheidung für rechtliche Sicherheit und strategische Unabhängigkeit. Es ist dasselbe Prinzip, das mich dazu bewegt, mein Gemüse regional zu kaufen und auf dem Dach meines Hauses eine Photovoltaikanlage zu betreiben: Wer die Kontrolle über seine Ressourcen behält, ist weniger anfällig für die Verwundbarkeiten einer globalisierten Lieferkette.

Was Europa jetzt tun muss

Das alles ist keine hoffnungslose Analyse. Es ist ein Befund mit einer klaren Schlussfolgerung: Wir haben die Mittel, den Kurs zu ändern. Wir haben die Technologie, die Alternativen, das Wissen. Was uns fehlt, ist der politische Wille auf europäischer Ebene und die gesellschaftliche Bereitschaft, die Komfortzone zu verlassen.

Europa muss endlich aufhören, seine digitale Infrastruktur als reine Beschaffungsaufgabe zu begreifen, bei der der günstigste Anbieter gewinnt. Es muss begreifen, dass öffentliche IT-Infrastruktur eine Frage der nationalen Sicherheit ist. Das bedeutet konkret: keine öffentlichen Aufträge mehr für proprietäre US-Software ohne prüfbare Offenlegung des Quellcodes, keine Steuergelder für Cloud-Dienste, die dem CLOUD Act unterworfen sind, und massive Investitionen in europäische Open-Source-Projekte und die Unternehmen, die sie betreiben und warten können. Die Initiative „Public Money, Public Code" ist in diesem Zusammenhang kein linkes Nischenprojekt, sondern ein wirtschafts- und sicherheitspolitisches Gebot der Stunde.

Auf der individuellen Ebene ist die Aufforderung einfacher, als sie klingt. Man muss nicht von einem Tag auf den nächsten sein gesamtes digitales Leben umbauen. Man beginnt mit einem einzigen Schritt: dem Wechsel des Smartphones auf einen Messenger, der nicht Meta gehört. Dann folgt vielleicht der Wechsel der Suchmaschine. Dann ein Blick auf Linux, erst auf einem alten Laptop, probeweise, für eine Woche. Dann die Entscheidung, das nächste Gerät reparierbar zu kaufen, statt es nach zwei Jahren zu ersetzen. Jeder dieser Schritte ist ein kleiner Riss in den Ketten der Abhängigkeit. Und wer diesen Weg einmal begonnen hat, der bemerkt etwas Überraschendes: Es fühlt sich nicht nach Verzicht an. Es fühlt sich nach Freiheit an.

Ich habe diesen Weg gegangen. Das Fairphone in meiner Tasche, der Linux-Kernel auf meinen Rechnern, die Mastodon-Instanz auf meinem Hetzner-Server, die Photovoltaikanlage auf dem Dach, der Garten hinter dem Haus. Das alles ist kein nostalgischer Rückzug in eine Selbstversorgungsidylle, sondern die konsequente Antwort auf eine strukturelle Erkenntnis: Wer von anderen abhängig ist, ist erpressbar. Wer die Kontrolle über seine Werkzeuge hat, ist frei.

Freiheit ist kein Zustand. Sie ist eine Entscheidung.

Am Ende ist die Frage, die hinter all dem steht, keine technische. Es ist eine politische, eine moralische, eine zivilisatorische Frage: In was für einer Welt wollen wir leben? Wollen wir in einer Welt leben, in der eine Handvoll Konzerne darüber entscheidet, was wir sehen, wer wir kontaktieren dürfen und welche Meinung algorithmisch sichtbar ist? Oder wollen wir in einer Welt leben, in der Technologie ein demokratisches Werkzeug ist, das den Menschen dient und nicht die Menschen für Profite instrumentalisiert?

Europa hat die historische Gelegenheit und die moralische Verpflichtung, diese Frage zu beantworten. Nicht durch Verbote, nicht durch technologiefeindlichen Protektionismus, sondern durch den Aufbau einer eigenen, robusten, dezentralen digitalen Infrastruktur, die auf den Werten basiert, auf denen dieser Kontinent gegründet wurde: Menschenwürde, Selbstbestimmung, Demokratie. Das sind keine Floskeln. Das sind Gestaltungsprinzipien, und es ist höchste Zeit, sie auch auf unsere digitale Existenz anzuwenden.

Der Umstieg von einem Samsung-Flaggschiff auf ein Fairphone mag als Geste klein wirken. Aber er ist das Symbol für etwas Größeres: den Abschied von der Illusion, dass Freiheit durch Konsum zu haben ist. Echte Souveränität entsteht durch Verstehen, durch Kontrolle, durch die Bereitschaft, die Verantwortung für die eigene digitale Existenz zu übernehmen. Und diese Bereitschaft, da bin ich überzeugt, ist die politisch relevanteste Haltung, die wir in dieser Epoche entwickeln können.

Die Ketten der Bequemlichkeit sind zerbrechlich. Man muss sie nur berühren wollen.

 

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