Das Atom-Comeback der AfD: Teuer, langsam und voller Atommüll
Dieser Artikel ist eine Wutrede. Mit Belegen.
Es gibt politische Forderungen, die man für erledigt hält. Man begräbt sie, tanzt auf ihrem Grab, kehrt nach Hause zurück und drei Monate später klopft es wieder an der Tür. Die Forderung nach einem deutschen Atomkraft-Comeback ist so eine. Genauer gesagt: ihre Wiederbelebung durch eine Partei, die sich rühmt, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu liefern, und die dabei konsequent die Zahlen ignoriert, die ihre einfachen Antworten unmöglich machen würden.
Die AfD will Kernkraftwerke wieder anfahren. Sie will bestehende Anlagen schnell reaktivieren, den Rückbau stoppen, das Atomrecht öffnen und nennt das Pragmatismus. Das klingt nach gesundem Menschenverstand, wenn man keine Fraunhofer-Studie gelesen hat. Wenn man sie gelesen hat, klingt es nach dem, was es ist: politisches Theater mit sehr langen Halbwertszeiten.
Dieser Artikel ist keine sachliche Betrachtung unterschiedlicher Perspektiven in einer komplexen Debatte. Er ist eine Wutrede. Mit Belegen. Denn Fakten machen wütend, wenn man sieht, wie systematisch sie ignoriert werden.
Deutschland hat die Wahl getroffen. Die AfD hat sie nicht akzeptiert.
Am 15. April 2023 wurden in Deutschland die letzten drei Atomkraftwerke vom Netz genommen: Emsland, Isar 2, Neckarwestheim 2. Der Atomausstieg ist vollzogen. Das ist kein politischer Wunschtraum, kein ideologisches Projekt, keine grüne Utopie. Das ist physische Realität. Die Brennstäbe wurden entnommen, die Anlagen befinden sich im aktiven Rückbauprozess, und die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie lange und wie teuer der Abbruch dauert.
Gleichzeitig lieferten erneuerbare Energien im Jahr 2024 bereits 54,4 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs. Mehr als die Hälfte des deutschen Stroms kommt inzwischen aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat das dokumentiert. Das ist keine Hochrechnung, das ist gemessene Realität.
Das ist der Ausgangspunkt, von dem aus die AfD ihre Energiepolitik entwirft. Nicht ein energiepolitisches Vakuum, nicht ein Zustand, der dringend korrigiert werden müsste, sondern ein System, das gerade funktioniert und sich auf einem klaren Wachstumspfad befindet. Und die AfD antwortet mit: trotzdem Atom.
Die Darstellung, die sie dabei bemühen, kennst Du aus Talkshows, Stammtischen und Bundestagsreden: Die Energiewende ist teuer, unzuverlässig, eine linksgrüne Ideologie auf Kosten der kleinen Leute. Deutschland tritt der Realität in den Rücken, um Windräder in den Himmel zu schrauben, während das Licht ausgeht.
Das ist nicht wahr. Aber es ist wirksam, weil es an reale Ängste andockt: steigende Energiepreise, wirtschaftliche Unsicherheit, das Gefühl, dass Transformation auf Kosten derer geht, die sie sich nicht leisten können. Diese Ängste verdienen echte Antworten. Die AfD gibt sie nicht. Sie bewirtschaftet sie.
Wer zahlt? Nicht die, die es wollen.
Reden wir über Geld. Über echtes Geld, nicht über energiepolitische Grundsatzdebatten.
Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme hat im Juli 2024 eine umfassende Analyse der Stromgestehungskosten veröffentlicht. Stromgestehungskosten bedeutet: was eine Kilowattstunde tatsächlich kostet, wenn man Bau, Betrieb, Kapital und Finanzierungskosten vollständig einrechnet. Die Zahlen für Deutschland sind glasklar.
Neue Photovoltaikanlagen: 4,1 bis 14,4 Cent pro Kilowattstunde. Neue Windkraftanlagen onshore: 4,3 bis 9,2 Cent. Offshore: 5,5 bis 10,3 Cent. Neue Kernkraftwerke: 13,6 bis 49,0 Cent pro Kilowattstunde. Und dabei sind die Folgekosten noch nicht eingepreist: keine Endlagerung, keine Haftungsrisiken, keine jahrhundertelange Sicherung radioaktiver Abfälle.
Das günstigste Szenario für ein neues Kernkraftwerk liegt also bei 13,6 Cent. Die teuerste neue Windkraftanlage onshore landet bei 9,2 Cent. Das ist kein marginaler Unterschied. Das ist ein systematischer Kostenvorsprung für erneuerbare Energien, der sich in der Realität internationaler Bauprojekte noch dramatischer bestätigt.
Flamanville 3 in Frankreich, das europäische Vorzeigeprojekt für neue Kernkraft: kalkuliert auf 3,3 Milliarden Euro. Tatsächliche Kosten laut dem französischen Rechnungshof, der Cour des Comptes, im Jahr 2025: 23,7 Milliarden Euro. Von 2007 bis 2024, 17 Jahre Bauzeit. Für ein einziges Kraftwerk.
Hinkley Point C in Großbritannien: 2024 meldete die Nachrichtenagentur AP einen möglichen Kostenrahmen von bis zu 46 Milliarden Pfund. Mit weiteren Verzögerungsrisiken. Die Internationale Energieagentur dokumentiert in ihrer Analyse von 2022 systematische Kosten- und Zeitüberschreitungen bei Kernkraft-Neubauprojekten als Muster, nicht als Ausnahme.
Die AfD nennt das den "wirtschaftlich vernünftigen Weg". Die IEA, die Fraunhofer-Studie und die Cour des Comptes nennen es etwas anderes. Du darfst selbst entscheiden, wessen Rechnungen Du für belastbarer hältst.
Die erneuerbaren Energien sind nicht subventionsgetrieben, wie die AfD hartnäckig behauptet. Sie sind die günstigste neue Stromerzeugungsoption auf dem deutschen Markt. Das ist keine politische These einer Ökopartei. Das ist Fraunhofer ISE im Juli 2024. Das ist der Unterschied zwischen einer Meinung und einer Messung.
Das Klima-Argument: Wenn Daten stimmen und trotzdem falsch eingesetzt werden
Jetzt kommt das Argument, das Atom-Befürworter*innen besonders gerne zücken: Kernenergie ist klimafreundlich. Im Lebenszyklus, über alle Phasen von Bau bis Betrieb, emittiert ein Kernkraftwerk median 12 Gramm CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde. Das ist wenig. Das IPCC, der weltweite Zusammenschluss der führenden Klimawissenschaftler*innen, bestätigt das in seinem fünften Sachstandsbericht.
Wind onshore liegt übrigens bei 11 Gramm.
Das ist die Stelle, an der wir innehalten müssen. Kernenergie und Windkraft sind im Lebenszyklus beide niedrigemittierende Technologien. Das stimmt. Es wäre unehrlich, das zu verschweigen, und Unehrlichkeit ist nicht das Stilmittel dieser Redaktion.
Warum ist es trotzdem kein Argument für die Kernkraft? Weil es die falsche Frage stellt.
Die relevante Frage ist nicht: Welche Technologie hat im Lebenszyklus weniger Emissionen? Die relevante Frage ist: Welche Technologie kann in welchem Zeitraum zu welchen Kosten gebaut werden, um den deutschen Strommix tatsächlich zu dekarbonisieren, und zwar in dem Zeitfenster, das die Klimawissenschaft für wirksam hält?
Und da ist das Bild unmissverständlich. Ein Windpark kann in wenigen Monaten geplant, genehmigt und in ein bis zwei Jahren gebaut werden. Ein neues Kernkraftwerk dauert in Europa im Schnitt weit mehr als eine Dekade, wenn es überhaupt je fertig wird. Flamanville wurde 2007 begonnen und 2024 ans Netz gebracht: 17 Jahre. In diesen 17 Jahren hätte Deutschland Tausende von Windrädern und Millionen Quadratmeter Photovoltaik installieren können.
Der deutsche Strommix emittierte 2024 im Schnitt 363 Gramm CO2 pro Kilowattstunde, dokumentiert vom Umweltbundesamt. 2022 waren es noch 433 Gramm. Der Rückgang kommt nicht von Kernkraft, die seit April 2023 vom Netz ist. Er kommt von erneuerbaren Energien und veränderten Importverhältnissen. Das ist kein Zufall. Das ist Systemwirkung.
Wenn Du die Klimakrise ernst nimmst, und Du solltest sie toternst nehmen, dann ist die Antwort nicht Kernkraft, die in zwei Jahrzehnten vielleicht den Betrieb aufnimmt. Die Antwort ist: so schnell wie möglich so viel erneuerbare Energie wie möglich bauen. Jetzt. Nicht nach dem nächsten Jahrzehnt Genehmigungsverfahren.
Das AfD-Märchen: Fünf Behauptungen, fünf Fakten
Die AfD hat im Bundestagswahlkampf 2025 explizit gefordert: Wiedereinstieg in die Kernenergie, bestehende Kraftwerke schnell wieder in Betrieb nehmen. Im Bundestag hat sie einen Antrag auf ein Moratorium für den AKW-Rückbau eingebracht. Das ist dokumentiert. Das ist ihr eigenes Programm, nachzulesen im Bundestagswahlprogramm 2025 und in den entsprechenden Parlamentsunterlagen.
Schauen wir uns die Behauptungen an.
Behauptung eins: "Die Energiewende und erneuerbare Energien gefährden die Versorgungssicherheit. Mit Atomkraft hätten wir das Blackout-Risiko im Griff." Die Bundesnetzagentur, zuständig für die Überwachung der Versorgungssicherheit in Deutschland, bewertet in ihrem Versorgungssicherheitsbericht für 2025 bis 2031 die Stromversorgung als gewährleistet, sofern Netzausbau, EE-Ausbau und steuerbare Kapazitäten konsequent umgesetzt werden. Blackouts entstehen nicht durch zu wenig Erzeugung als solche, sondern durch komplexe Netz- und Störereignisse. Das ist die sachliche, technische Einordnung einer Fachbehörde. Nicht die Meinung einer Ökopartei.
Behauptung zwei: "Erneuerbare Energien sind nur subventionsgetrieben und ökonomisch den konventionellen Energien unterlegen." Die Fraunhofer-Zahlen belegen das Gegenteil. Wind und Photovoltaik kosten in Deutschland im Neubau deutlich weniger als neue Kernkraftwerke. 54,4 Prozent des Bruttostromverbrauchs 2024 kamen aus erneuerbaren Energien. Das ist keine Subventions-Fantasie. Das ist gemessene Stromproduktion.
Behauptung drei: "Atomkraft ist der wirtschaftlich vernünftige Weg für neue Kraftwerkskapazitäten." Flamanville 3: 23,7 Milliarden Euro Endkosten statt ursprünglich geplanter 3,3 Milliarden. Hinkley Point C: bis zu 46 Milliarden Pfund. Die IEA dokumentiert diese Kostenexplosionen nicht als Einzelfälle, sondern als Muster der neueren Kernkraft-Projektgeschichte in westlichen Ländern. Das ist die Internationale Energieagentur, die der OECD angehört und gemeinhin als wirtschaftspolitisch neutral gilt. Wer diese Zahlen als linksgrüne Propaganda bezeichnet, hat ein ernsthaftes Problem mit dem Unterschied zwischen Daten und Meinungen.
Behauptung vier: Der schnelle Wiedereinstieg. Die deutschen Kraftwerke, die 2023 abgeschaltet wurden, befinden sich im aktiven Rückbauprozess. Eine Reaktivierung ist keine Frage des politischen Willens allein. Es sind Fragen des technischen Zustands nach dem Rückbau, der Genehmigungsverfahren unter geändertem Atomrecht, der Betreiberentscheidungen und des Versicherungsrahmens. Schnell geht hier nichts. Schnell gibt es nur bei Wind und Solar, genau bei den Technologien, die die AfD ablehnt.
Behauptung fünf, das Moratorium: Die AfD-Bundestagsfraktion hat 2025 beantragt, den Rückbau der deutschen Kernkraftwerke zu stoppen. Der Bundestag hat das abgelehnt. Der Antrag zeigt, dass die Fraktion die technischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Realitäten des Rückbauprozesses entweder nicht kennt oder bewusst ignoriert. Beides ist keine Eigenschaft, die man in einer energiepolitisch verantwortungsvollen Partei schätzt.
Das sind keine Meinungen. Das sind Technik und Recht.
Das größte Gratis-Geschenk an Generationen, die nicht zugestimmt haben
Es gibt ein Argument in dieser Debatte, das immer wieder vergessen wird. Nicht weil es schwach wäre, sondern weil es besonders unbequem ist.
Atommüll, hochradioaktiv, braucht eine Sicherheitsgewährleistung von einer Million Jahren. Nicht hundert. Nicht tausend. Eine Million.
Die Bundesgesellschaft für Endlagerung sucht derzeit nach einem geeigneten Standort für ein deutsches Endlager für hochradioaktive Abfälle. Für Ende 2027 ist ein Vorschlag für Standortregionen geplant, der dann an die zuständige Bundesbehörde weitergeleitet wird. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat die Zeitperspektiven 2024 zusammengefasst: Bau des Endlagers zwei bis vier Jahrzehnte nach dem Standortentscheid, Einlagerungsbetrieb weitere drei Jahrzehnte, Abschluss der Entsorgung voraussichtlich Mitte des 22. Jahrhunderts.
Mitte des 22. Jahrhunderts. Das sind über 120 Jahre. Fünf bis sechs Generationen von Menschen, die den Atommüll verwalten, sichern und überwachen müssen, den andere produziert haben. Ohne gefragt worden zu sein.
Für den bereits vorhandenen deutschen Atommüll hat der KENFO, der staatliche Fonds für Zwischen- und Endlagerfinanzierung, im Jahr 2017 Einzahlungen der Kraftwerksbetreiber in Höhe von 24,1 Milliarden Euro erhalten. Das klingt nach viel. Es ist auch viel. Ob es ausreicht für eine Sicherheitsanforderung über eine Million Jahre, in einem Land, das in 120 Jahren möglicherweise anders heißt und anders regiert wird: das weiß niemand. Das kann niemand wissen.
Die AfD will mehr Atommüll produzieren. Nicht so explizit formuliert, aber das ist die mathematisch unvermeidliche Konsequenz eines Wiedereinstiegs: mehr Betrieb, mehr Brennelemente, mehr Abfall, mehr Generationen, die die Folgen tragen. Das ist keine Klimapolitik. Das ist das Gegenteil von Generationengerechtigkeit, ausgerechnet mit dem Begriff, den die AfD so gerne für andere Zwecke verwendet.
Das nenne ich Verantwortungslosigkeit. Das andere Wort, das mir dazu einfällt, ist noch kürzer und schärfer.
Putin lässt grüßen: Atomkraft und die Logik der Abhängigkeit
Die AfD argumentiert mit Versorgungssicherheit und nationaler Unabhängigkeit. Das ist interessant, weil sie dabei die geopolitische Dimension der Kernkraft geflissentlich übersieht.
Die EU-Kommission hat im Juni 2025 in einem Hintergrundpapier die Abhängigkeiten der Europäischen Union im nuklearen Brennstoffkreislauf dokumentiert. Die Zahlen für 2023: Russland hält im Bereich der Konversion von Uranerz 27 Prozent Marktanteil in der EU. Bei der Anreicherung: 38 Prozent. Bei Natururan aus direktem russischen Ursprung: rund 23 Prozent.
Vorläufige Zahlen für 2024 zeigen einen Rückgang: Konversion auf 23 Prozent, Anreicherung auf 24 Prozent. Besser. Keine Entwarnung. "Besser als 2023" bedeutet nicht "unabhängig von einem Staat, der die Ukraine überfallen hat, das internationale Recht bricht und Energielieferungen seit Jahren als politisches Druckmittel einsetzt".
Die EU-Kommission selbst verfolgt seit 2025 eine Roadmap zum schrittweisen Ende russischer Energieimporte, ausdrücklich einschließlich des nuklearen Bereichs. Das ist die offizielle europäische Einordnung des Problems. Eine Partei, die Atomkraft fordert und gleichzeitig von Energieunabhängigkeit spricht, müsste erklären, wie der Brennstofflieferkette Russlands konkret entkommen werden soll. Diese Erklärung hat die AfD nicht geliefert. Sie stellt keine Fragen, deren Antworten ihr Narrativ beschädigen würden.
Windräder brauchen kein russisches Uran. Solaranlagen auch nicht. Das ist kein ideologisches Argument. Das ist Physik und Geopolitik in seltener Einigkeit.
Was wirklich gebraucht wird: Realismus statt Nostalgie
Versorgungssicherheit ist keine Frage der Technologiepräferenz. Sie ist eine Frage der Systemgestaltung, der Investitionen und des politischen Willens.
Die Bundesnetzagentur ist präzise: Die Versorgungssicherheit ist bei konsequentem Netzausbau, EE-Ausbau und dem Aufbau steuerbarer Kapazitäten gewährleistet. Das bedeutet konkret: Investitionen in Großbatteriespeicher und Pumpspeicher, in Flexibilitätsmechanismen und Laststeuerung, in den Ausbau der Hochspannungsübertragungsnetze, in die Vernetzung europäischer Strommärkte. Das klingt technischer als "wir fahren das Kernkraftwerk wieder an". Es ist trotzdem der reale Weg.
Was diese Transformation auch leisten muss: soziale Gerechtigkeit. Steigende Energiepreise treffen einkommensarme Haushalte überproportional. Das ist eine Realität, die progressive Energiepolitik nicht wegdiskutieren darf, sondern aktiv adressieren muss. Bürger*innenenergieprojekte, die lokale Gemeinschaften an der Produktion und den Gewinnen erneuerbar erzeugten Stroms beteiligen, soziale Stromtarife für einkommensschwache Haushalte, kommunale Energiegenossenschaften, die Renditen in der Region halten statt sie zu Energiekonzernen abzuführen: das sind die Antworten auf die Ängste, die die AfD für sich nutzt.
Die AfD löst diese Probleme nicht. Sie benennt sie, übertreibt sie, instrumentalisiert sie und bietet als Lösung eine Technologie an, die teurer, langsamer, atommüllerzeugend und geopolitisch abhängig ist. Das ist kein Pragmatismus. Das ist politisches Theater.
Die erneuerbaren Energien sind der Weg. Nicht weil es romantisch ist oder politisch korrekt. Weil es billiger ist, schneller geht, keine geopolitischen Abhängigkeiten produziert, keinen Atommüll erzeugt, der Jahrhunderte gesichert werden muss, und weil es die einzige Technologie ist, die in dem Zeitraum gebaut werden kann, in dem Klimawirksamkeit noch möglich ist.
Die einzige Frage, die zählt
Die Atommüllfrage ist der ultimative Lackmustest für politische Redlichkeit in dieser Debatte.
Eine Partei, die ernsthaft über Verantwortung reden will, müsste sich zuerst fragen: Was hinterlassen wir? Nicht in zehn Jahren. In hundert. In einer Million. Wer den Einstieg in mehr Kernkraft fordert, ohne auf diese Frage eine ehrliche Antwort zu haben, betreibt keine Energiepolitik. Er betreibt Wahlkampf mit dem Geld, der Gesundheit und der Zukunft von Menschen, die nicht abstimmen können, weil sie noch nicht geboren sind.
Du hast eine Wahl. Nicht nur in der Wahlkabine, obwohl auch dort. Du kannst Dich informieren, bevor Du einer Erzählung glaubst, die auf Angst und Vereinfachung setzt statt auf Daten. Du kannst Abgeordnete fragen, was sie konkret für Netzausbau, steuerbare erneuerbare Kapazitäten und soziale Gerechtigkeit in der Energiewende tun. Du kannst kommunale Energieprojekte unterstützen, Stadtwerke wählen, die auf erneuerbare Energien setzen, und aufhören, Parteien zu wählen, die die Angst vor dem Morgen nutzen, um das Gestern als Zukunft zu verkaufen.
Der Atomausstieg ist vollzogen. Mehr als die Hälfte des deutschen Stroms kommt aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse. Die Zahlen sind klar, die Richtung ist klar, und die Alternative ist: bis zu 49 Cent pro Kilowattstunde, 23 Milliarden Euro für ein Kraftwerk, das 17 Jahre gebraucht hat, und Atommüll für das 22. Jahrhundert.
Alles andere ist Nostalgie mit Geigerzähler.
Quellen
BMWE (13.04.2023): Deutschland beendet das Zeitalter der Atomkraft (Ausstiegsdatum, letzte AKW), www.bmwk.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2023/04/20230413-deutschland-beendet-das-zeitalter-der-atomkraft.html
BMWE Dossier Strommarkt der Zukunft (EE-Anteil 2024: 54,4 %), www.bmwk.de/Redaktion/DE/Dossier/strommarkt-der-zukunft
Fraunhofer ISE (Juli 2024): Studie Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien (LCOE-Bänder inkl. Kernkraftvergleich), www.ise.fraunhofer.de/content/dam/ise/de/documents/publications/studies/DE2024_ISE_Studie_Stromgestehungskosten_Erneuerbare_Energien.pdf
BNetzA: Bericht zur Versorgungssicherheit Strom (Szenarioeinschätzung 2025-2031), www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/Strom/start.html
BMWE FAQ Versorgungssicherheit (Stand Mai 2025), www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/FAQ/Versorgungssicherheit-Kohleausstieg/faq-versorgungssicherheit-kohleausstieg.html
IPCC WGIII AR5 Annex III, Table A.III.2 (Lebenszyklus-Emissionen Stromtechnologien), www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/ipcc_wg3_ar5_annex-iii.pdf
UBA (09.04.2025): CO2-Emissionen pro Kilowattstunde Strom 2024 gesunken (363 g CO2/kWh), www.umweltbundesamt.de/themen/co2-emissionen-pro-kilowattstunde-strom-2024
BGE (19.03.2026): Arbeitsstände Endlagersuche, Meilenstein Ende 2027, www.bge.de/de/presse/pressemitteilung/news/2026/3/endlagersuche-bge-gibt-im-herbst-2026-einblick-in-die-aktuellen-arbeitsstaende/
Bundestag WD (2024): Zeitliche Perspektiven der Endlagersuche (Zeithorizonte bis Mitte 22. Jh.), www.bundestag.de/resource/blob/1042818/Zeitliche-Perspektiven-der-Endlagersuche.pdf
BMUKN FAQ Entsorgungskosten (Verursacherprinzip/Kostenverantwortung), www.bundesumweltministerium.de/faq/wer-traegt-die-kosten-fuer-die-entsorgung-der-radioaktiven-abfaelle
KENFO: Press information (24,1 Mrd. Euro Einzahlung 2017 für Zwischen-/Endlagerfinanzierung), www.kenfo.de/en/press-media/press-information-speeches
IEA/OECD (2022): Nuclear Power and Secure Energy Transitions (Projektverzögerungen und Kostenoverruns), www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2022/08/nuclear-power-and-secure-energy-transitions_ab5b6d0a/aca1d7ee-en.pdf
Cour des comptes (14.01.2025): Rapport filière EPR (Flamanville-Gesamtkosten 23,7 Mrd. EUR), www.ccomptes.fr/sites/default/files/2025-01/20250114-La-filiere-EPR%20-une-dynamique-nouvelle-des-risques-persistants_0.pdf
AP (24.01.2024): Hinkley Point C could cost up to 46 billion pounds, apnews.com/article/67adc627f0acf130d3ea6c2423e98c4e
EU-Kommission SWD(2025)160, 17.06.2025 (Russlandanteile im nuklearen Brennstoffkreislauf, vorläufige 2024-Werte), www.parliament.bg/pub/ECD/7530981_EN_autre_document_travail_service_part1_v6.pdf
Bundestag hib: AfD fordert Wiedereinstieg Kernkraft (Claim-Primärbeleg), www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1156526
Bundestag Textarchiv: AKW-Rückbau-Moratorium/Drs. 21/220 (Claim-Primärbeleg + Abstimmung), www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw37-de-kernkraftwerke-1099334
AfD Bundestagswahlprogramm 2025 (Originaldokument), www.afd.de/wp-content/uploads/2025/02/AfD_Bundestagswahlprogramm2025_web.pdf
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