Hope, die Titan und das Mittelmeer: Über die obszöne Frage, wer eigentlich rettenswert ist
Über die obszöne Frage, wer eigentlich rettenswert ist. Eine Brandrede über Bagger, Bühnenmoral und das Sterben, das niemanden eine Pressekonferenz wert ist.
Vor der Insel Poel wird seit Wochen gebaggert. Hunderttausende Euro werden in die Ostsee gekippt, Spezialfirmen rücken an, Pontons werden ausgelegt, Lastkähne in Stellung gebracht, und unter dem sterbenden Tier wird gerade eine eigens ausgehobene Rinne ins Meer gegraben, hundert Meter lang, zehn Meter breit, zwei Meter tief, damit ein 12-Meter-Buckelwal mit kaputter Haut, einem Netz im Maul und kaum noch Reaktion auf seine Umwelt nicht in Ruhe sterben muss. Sämtliche Walforscher dieser Republik sagen seit Wochen dasselbe. Das Deutsche Meeresmuseum sagt es. Das Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung sagt es. Fabian Ritter sagt es. Greenpeace sagt es. Sie sagen, dass die Überlebenschance dieses Tieres bei deutlich unter null Komma eins Prozent liegt, dass jeder weitere Eingriff Stress, Verletzung und Leid verlängert, und dass das Humanste, was Menschen jetzt noch tun können, darin besteht, dieses Wildtier in Würde sterben zu lassen, es zu befeuchten, abzuschirmen, wissenschaftlich zu begleiten und danach eine ehrliche Debatte über die wahren Ursachen zu führen.
Stattdessen wird gebaggert. Bezahlt wird das Ganze von einem 80-jährigen Mediamarkt-Mitgründer mit einem geschätzten Vermögen von einer halben Milliarde Euro und einer Trabrennpferdebesitzerin, die mit einem österreichischen Milliardär verheiratet ist. Und an dieser Stelle möchte ich den Text kurz unterbrechen, weil ich diesen beiden Menschen gerne direkt etwas sagen würde.
Herr Gunz. Sie sagen, Geld sei eine Energie und man dürfe sich da nicht verkrampfen. Sie sagen, das Ganze werde schon nicht hundert Millionen kosten, als wäre das ein beruhigender Satz, eine Beschwichtigung, ein Witz unter Eingeweihten. Wissen Sie eigentlich, wie obszön Sie wirken? Sie haben Ihr Leben damit verbracht, Menschen Konsumelektronik mit dem Slogan zu verkaufen, sie seien doch nicht blöd, und im Alter beschließen Sie, der Retter der Nation zu werden. Und Sie geben das in Interviews sogar offen zu. Sie seien plötzlich als Retter der Nation erschienen, sagen Sie, vom Typ her seien Sie eigentlich kein Held. Da gebe ich Ihnen ausdrücklich Recht. Sie sind keiner. Sie sind ein alter Mann mit einem Spätbedürfnis nach Bedeutung, der einen sterbenden Wal als Eintrittskarte in die historische Erinnerung benutzt, weil ihm sonst nichts Größeres mehr eingefallen ist. Wenn Sie wirklich glauben, dass Geld eine Energie ist, dann benutzen Sie diese Energie für die Hunderttausenden Wale und Delfine, die jedes Jahr in den Netzen der industriellen Fischerei verrecken, ohne dass irgendjemand für sie eine Pressekonferenz abhält. Aber Sie tun es nicht. Weil Sie keine Wale wollen. Sie wollen einen Wal. Diesen einen, vor laufender Kamera, mit Ihrem Namen drunter. Das ist nicht Liebe zum Tier. Das ist Eitelkeit, vergoldet mit Esoterik, und bezahlt aus der Portokasse eines Lebens, das mit dem Ausverkauf von Fernsehern reich geworden ist.
Und jetzt zu Ihnen, Frau Walter-Mommert. Sie sagen, die Kosten entscheide allein der Wal. Sie sagen, der Wal werde seine Freiheit finden, im Himmel oder auf hoher See. Sie sagen, Freiheit sei das höchste Gut des Menschen. Lassen Sie mich Ihnen etwas erklären. Wer in einem Leben aufwächst, in dem er nie selbst entscheiden musste, ob am Monatsende noch das Brot oder die Stromrechnung dran ist, der hat das Recht verwirkt, anderen Menschen Vorträge über Freiheit zu halten. Sie züchten Trabrennpferde. Trabrennpferde. Tiere, die seit Jahrzehnten von Tierschutzorganisationen dokumentiert als systematisch geschundene Sportgeräte gelten, die aufpeitscht über Bahnen gejagt werden, damit Leute wie Sie ein Hobby haben. Sie sind in Ihrem ganzen Leben durch keinerlei Engagement für Meeressäuger aufgefallen. Nicht für Wale, nicht für Delfine, nicht für die Geisternetze, nicht für den Plastikmüll, nicht für Schiffslärm, nicht für Klimafolgen. Nichts. Null. Aber jetzt, wo eine deutsche Pressekonferenz auf Sie wartet, sind Sie plötzlich die salbungsvolle Trösterin der Nation und reden über Freiheit, als hätten Sie sie persönlich erfunden. Sie haben gar nichts erfunden. Sie haben geheiratet. Sie haben ein Leben lang von Vermögen profitiert, das andere Menschen erwirtschaftet, eingefahren, oder ererbt haben, und Sie verwechseln Ihren ungeniert privilegierten Lebensentwurf mit moralischer Größe. Was Sie hier betreiben, ist keine Rettung. Es ist die Selbstinszenierung einer Frau, der zu lange niemand mehr widersprochen hat. Wenn Sie auch nur einen Funken von der Demut hätten, die Sie diesem Wal angeblich entgegenbringen, dann würden Sie schweigen. Bitte tun Sie das. Schweigen Sie. Es würde Ihnen besser stehen als jede Pressekonferenz.
Und damit zurück zur Sache. Was diese beiden Menschen am Strand von Poel inszenieren, ist nicht Tierschutz. Es ist die Esoterik der Vermögenden, die sich einen Wal als spirituelles Erweckungsobjekt leisten und das Ganze für eine Form moralischer Erhöhung halten, die ihnen selbst zugutekommt. Wer Trabrennpferde züchtet und gleichzeitig vor einer Bagger-Show öffentlich über Freiheit redet, hat den Begriff Tierschutz nicht gepachtet, sondern gekapert. Und wer mit einer halben Milliarde Euro im Rücken sagt, die Kosten entscheide allein das Tier, der sagt damit auch, dass die Kosten der Geringverdiener auf dieser Insel, die Kosten der Pflegekräfte in den überlasteten Krankenhäusern, die Kosten der Familien, die für ihre Kinder keinen Kita-Platz finden, ihn nicht im Geringsten interessieren. Diese Kosten entscheiden nämlich tatsächlich nicht die Betroffenen, sondern eine Politik, die das Geld lieber in Symbolaktionen lenkt, weil Symbolaktionen Bilder geben.
Drumherum hat sich ein Personalkarussell aufgebaut, das jeder erkennt, der die einschlägigen Muster der vergangenen Jahre auch nur halbwegs verfolgt hat, weil es Lehrbuch ist. Da läuft ein Influencer namens Danny Hilse mit, der sich Danny.firstclass nennt, der bei TikTok zur Wahl der AfD aufgerufen hat und der noch vor wenigen Wochen Mitorganisator eines Bündnisses war, das vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, weil sich dort Rechtsextreme und während der Pandemie radikalisierte Querdenker getroffen haben. Da läuft ein Jens Schulz mit, ebenfalls AfD-Sympathisant, der bei Facebook migrations- und islamfeindlich auftritt. Eine professionelle Tierärztin aus Hawaii ist unter Protest abgereist, weil dieser Hilse und ein peruanischer Influencer-Schriftsteller sich als dominante Anführer aufspielten und vor allem Selbstdarstellung betrieben. Die Pressesprecherin der Initiative ist zurückgetreten. Das ist also kein professionelles Rettungsteam und keine fachliche Initiative, das ist eine Mischung aus Geld, esoterischem Bauchgefühl und politisch zwielichtigen Selbstdarstellern, die den Wal als Bühne für sich selbst nutzen.
Und außerhalb der Sandbank hat sich längst der zweite Akt formiert. Compact-Magazin, der österreichische rechtsextreme Sender Auf1, einschlägige Telegram-Kanäle, KI-generierte Bilder eines weinenden Wals mit der Bitte um Rettung, Demonstrationen, bei denen zweimal der Schutzzaun durchbrochen wurde, neunzehn Eilanträge beim Verwaltungsgericht Schwerin, und Morddrohungen gegen einen Umweltminister, der zu wenig oder zu viel oder das Falsche tut, je nachdem, in welcher Stunde man fragt. Die rechte Erzählung steht binnen Tagen: Der böse Staat, die kalten Behörden, die korrupte Wissenschaft, das geheime Interesse am Skelett, die Vertuschung, das Volk, das einen Wal retten will und einen System-Apparat als Gegner hat. Tierschutz hat im Rechtsextremismus eine lange Tradition, nicht aus Empathie, sondern weil sich emotional aufgeladene Tiere hervorragend dafür eignen, Misstrauen gegen Staat, Wissenschaft und Demokratie zu säen. Wer das in den letzten Jahren irgendwo professionell beobachtet hat, sieht hier kein neues Phänomen, sondern eine perfekt gelungene Bewirtschaftung. Der Wal ist die Eintrittskarte, was rauskommt ist Hass auf alles, was nach Expertise klingt.
Und jetzt der Punkt, an dem mir die Galle hochkommt, jedes Mal, wenn ich eine dieser Pressekonferenzen sehe.
Vor knapp drei Jahren ist im Nordatlantik ein Tauchboot namens Titan implodiert. An Bord saßen fünf Männer, darunter ein britischer Milliardär, ein pakistanischer Großunternehmer mit seinem Sohn, ein französischer Tiefseeexperte und der Chef der Betreiberfirma. Die fünf wollten zur Titanic. Sie hatten 250.000 Dollar pro Platz bezahlt für eine Vergnügungsreise in einer Bastelkapsel, die jeder seriöse Ingenieur als lebensgefährlich abgetan hatte. Was dann geschah, hat die Welt in Atem gehalten. Die US Coast Guard rückte aus, die kanadische Marine half, die französische Marine schickte ein Schiff mit einem Tiefseetauchroboter, die britische Royal Navy schickte Ausrüstung, US-Spezialeinheiten kamen, Frachtflugzeuge wurden quer durch den Atlantik geschickt, das gesamte verfügbare Equipment der westlichen Welt zur Tiefseebergung wurde mobilisiert, und die Nachrichtensender sendeten tagelang im Minutentakt. Es war völlig egal, dass die fünf wahrscheinlich schon nach Sekunden tot waren. Es war völlig egal, dass die Suche nach lebenden Menschen längst sinnlos war. Reiche Westler waren in Gefahr, also wurden Himmel und Erde bewegt.
Im selben Monat, im Juni 2023, kenterte vor der griechischen Küste bei Pylos ein völlig überfüllter Fischkutter mit etwa 750 Menschen an Bord. Frauen, Männer, Kinder, Familien aus Syrien, Pakistan, Ägypten, Afghanistan, geflohen vor Krieg, Hunger, Diktatur. Geschätzt fünfhundert bis sechshundertfünfzig Menschen ertranken. Die griechische Küstenwache hatte den Kutter über Stunden im Blick gehabt und nicht eingegriffen. Es gab schwerwiegende Vorwürfe, das Manöver der Küstenwache habe das Kentern sogar mitverursacht. Es gab keine internationale Mobilmachung. Es gab keine Schiffe der US Coast Guard, keine Tiefseetauchroboter, keine Tagesschau-Sondersendungen, keine emotionalen Pressekonferenzen, keine Trabrennpferdebesitzerinnen, die Spendenkonten aufmachten und sagten, die Kosten entscheide allein der Geflüchtete. Diese Toten waren statistisch. Diese Toten waren ein Vermerk in einer Zeile.
Im Mittelmeer ertrinken Jahr für Jahr tausende Menschen. Seit 2014 sind es nach Zählungen der Internationalen Organisation für Migration über dreißigtausend dokumentierte Tote, und die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Es gibt keine Bagger, die für sie ausrücken. Es gibt keine Pontons, keine Lastkähne, keine ausgehobenen Rinnen. Es gibt im Gegenteil eine europäische Politik, die zivile Seenotrettungsorganisationen kriminalisiert, die ihre Schiffe festhält, die ihre Kapitäne vor Gericht stellt, die Verträge mit der sogenannten libyschen Küstenwache unterhält, die Geflüchtete in Folterlager zurückschleppt. Und das alles findet statt, während dieselbe Republik, die diese Politik mitträgt, vor der Insel Poel emotionale Pressekonferenzen über die Würde eines einzelnen Tieres abhält und Bronzefiguren in Aussicht stellt.
Und damit man mich nicht falsch versteht. Es geht mir nicht darum, dem Wal sein Mitgefühl zu nehmen. Es geht mir darum, dieses Mitgefühl ernst zu nehmen. Wer wirklich glaubt, dass Leid zählt, dass Atmen zählt, dass das Recht auf ein Weiterleben zählt, der kann nicht gleichzeitig hinnehmen, dass Hunderte Menschen vor unserer Haustür im Wasser verrecken, ohne dass jemand auch nur die Hälfte der Energie aufbringt, die hier für eine medienwirksame Bagger-Show vor Poel mobilisiert wird. Wer Mitgefühl nur dann empfindet, wenn das Opfer entweder reich, weiß oder ein Tier ist, hat kein Mitgefühl. Hat eine Projektion. Eine Marotte. Ein Hobby für Leute mit zu viel Geld und zu wenig Reflexion.
Was vor der Insel Poel passiert, ist deshalb keine harmlose Skurrilität, keine niedliche deutsche Sentimentalität, kein menschlicher Reflex, den man als sympathisch übersehen könnte. Es ist die zur Schau gestellte Klassenfrage in Reinform. Zwei Vermögende inszenieren sich als Retter, eine SPD im Wahlkampftief klammert sich an die Bilder, eine rechtsextreme Szene baut daraus binnen Tagen ein Misstrauensnarrativ, und das gesamte Land schaut zu und vergisst dabei, dass im selben Moment Menschen ertrinken, deren Tod niemanden eine Pressekonferenz wert ist. Was hier sichtbar wird, ist nicht zu viel Empathie, sondern eine zutiefst selektive, eine zutiefst verlogene, eine zutiefst klassengeprägte und rassistische Empathie, die exakt dort aufhört, wo die Opfer nicht mehr in das eigene moralische Selbstbild passen.
Der humane Weg in diesem Wal-Fall wäre simpel gewesen. Schutzzone, Ruhe, Befeuchtung, palliative Begleitung, wissenschaftliche Dokumentation, danach eine ehrliche Debatte über Geisternetze, Fischereibeifang, Schiffsverkehr, Lärm und die fortschreitende Zerstörung der Meere. Stattdessen haben wir eine Bagger-Show, einen Wahlkampf auf einem sterbenden Rücken, ein Compact-Video mit dem Titel Öko-Industrie will Wal schlachten, Morddrohungen gegen einen Minister und Influencer in Hells-Angels-Kutten am Strand. Wer hier kalt aussieht, sind nicht die Wissenschaftler, die seit Wochen versuchen, die Realität zu erklären. Kalt sind die Leute, die ein leidendes Tier nicht in Ruhe sterben lassen können, weil sie das Spektakel brauchen, das ihre eigene Bedeutung beglaubigt. Und kalt ist eine Gesellschaft, die für einen Wal Lastkähne bewegt, aber kein Schiff schickt, wenn ein Boot mit Familien sinkt.
Ich werde aufhören, von einer Republik mit Herz zu sprechen, solange diese Republik Bagger nach Poel schickt und Mauern ins Mittelmeer baut. Das eine ist die Bedingung des anderen. Wer das eine bejubelt und das andere hinnimmt, ist nicht empathisch. Ist nicht warmherzig. Ist nicht der bessere Mensch.
Sondern Teil des Problems.
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