
Das schönste Land der Welt - und ihr merkt es nicht mal
Über den organisierten Pessimismus, die Lüge vom deutschen Elend und warum Antifaschismus keine Meinung ist, sondern eine Pflicht
Es ist eine merkwürdige deutsche Eigenart, die man nirgendwo sonst auf der Welt in dieser Intensität findet: das kollektive, geradezu genüssliche Jammern über das eigene Land. Man muss nicht lange suchen, um es zu finden. Es sitzt am Stammtisch, es klebt in den Kommentarspalten, es hängt wie zäher Nebel über den Talkshows und Telegram-Kanälen. Deutschland gehe den Bach runter, heißt es. Die Politik sei eine Katastrophe. Die Wirtschaft kollabiere. Der Sozialstaat fresse uns auf. Die Mieten seien unbezahlbar, die Löhne ein Witz, der Euro eine Fehlkonstruktion, die EU ein demokratieferner Moloch. Die Energiewende ruiniere die Industrie. Die Geflüchteten nähmen uns alles weg. Die Meinungsfreiheit sei am Ende. Das Internet werde zensiert. Man dürfe ja gar nichts mehr sagen in diesem Land. Und schuld an alldem? Natürlich: die Grünen, die Linken, die Antifa, George Soros, Bill Gates, das Weltwirtschaftsforum, die Mondstrahlen und ein geheimes globalistisches Netzwerk, das in seinen Bunkern den Untergang des Abendlandes plant. Je nach Aluhutgröße.
Was dabei auffällt: Wer am lautesten jammert, hat es meistens am wenigsten nötig.
Und auch das ist keine Vermutung. Das ist Datenlage. Eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen aus dem Dezember 2024 hat gezeigt, was eigentlich jeden in den Wahnsinn treiben sollte, der noch Fakten ernst nimmt: 58 Prozent der Deutschen beurteilen ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut. Gleichzeitig halten nur 8 Prozent die allgemeine Wirtschaftslage in Deutschland für gut. Die Körber-Stiftung hat 2025 dasselbe herausgefunden: 59 Prozent der Befragten schätzen die eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut ein, gleichzeitig bewerten drei Viertel der Bevölkerung die Wirtschaftslage Deutschlands als weniger gut oder schlecht. Dieselben Menschen, denen es persönlich gut geht, sind mehrheitlich überzeugt, dass es dem Land schlecht geht. Das ist keine Meinung, das ist ein psychologisches und politisches Phänomen mit einem Namen: organisierter Pessimismus. Er wird nicht zufällig erzeugt. Er wird produziert, finanziert und täglich frisch geliefert von Menschen, die ein vitales Interesse daran haben, dass eine breite Bevölkerungsschicht in permanenter Angst und Empörung verharrt. Wer Angst hat, denkt nicht klar. Wer Angst hat, fragt nicht nach. Wer Angst hat, wählt die, die versprechen, die Angst wegzumachen, auch wenn genau diese Leute die Angst erst produziert haben.
Schauen wir uns also die Realität an. Nicht die Realität aus dem Telegram-Kanal, nicht die Realität der AfD-Pressemitteilung, nicht die Realität des rechten Youtubers, der in seiner gemieteten Berliner Altbauwohnung Videos über den bevorstehenden Untergang Deutschlands dreht, während er von seinen Zuschauerinnen und Zuschauern finanziert wird. Die echte, belegbare, mit Zahlen unterlegte Wirklichkeit.
Wirtschaft: Drittgrößte Volkswirtschaft der Welt
Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit einem BIP von 4.658,53 Milliarden US-Dollar, vor Japan, Indien, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Brasilien. Von über 190 Ländern auf diesem Planeten. Das ist keine Meinung, das ist ein Fakt, nachzulesen in jedem seriösen Wirtschaftsranking der Welt, vom Internationalen Währungsfonds bis zur Weltbank. Billionen. Mit einem B. Die deutsche Wirtschaft gehört neben China und den USA zu den drei größten Exportnationen der Welt, und die Bundesrepublik hat mit 26,6 Prozent in der Industrie den größten Anteil an der Bruttowertschöpfung, mit Schwerpunkten in Maschinenbau, Elektroindustrie, Fahrzeugbau und Chemie. Das sind globale Aushängeschilder, um die uns Länder beneiden, die selbst verzweifelt versuchen, solche Strukturen aufzubauen.
Wer in diesem Land aufwacht und sagt, es gehe ihm wirtschaftlich schlecht, der möge bitte kurz innehalten und überlegen, wie es den Menschen in Ländern geht, die nicht mal in den Top 50 dieser Wirtschaftsliste auftauchen. Menschen in Ländern ohne funktionierendes Gesundheitssystem, wo eine einfache Blinddarmentzündung in den finanziellen Ruin treiben kann. Menschen ohne Rentenversicherung, die im Alter arbeiten müssen, bis sie umfallen. Menschen ohne Arbeitslosengeld, für die der Jobverlust nicht Bürokratiestress bedeutet, sondern unmittelbare Armut. Menschen ohne Mindestlohn, ohne Kündigungsschutz, ohne Betriebsrat, ohne Gewerkschaft. Für diese Menschen wäre Deutschland das Paradies. Und wir reden hier ernsthaft darüber, ob die Grünen zu viel Geld ausgeben.
Das Sozialsystem: Erkämpft, nicht geschenkt
Deutschland hat eines der umfangreichsten Sozialsysteme der Welt. Wer seinen Job verliert, bekommt Geld, um zu überleben, während er sich um die nächste Stelle bemüht. Wer krank wird, wird behandelt, egal ob arm oder reich, egal ob Arbeiterin oder Unternehmer. Wer im Alter nicht mehr arbeiten kann, bekommt eine Rente. Wer wirklich am Boden ist, bekommt Bürgergeld, damit die Würde gewahrt bleibt. Kinder bekommen Kindergeld, kostenlose Bildung, Schulbücher, in vielen Kommunen kostenloses Schulessen. Das Mutterschaftsgeld. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der bezahlte Urlaub. Die Pflegeversicherung. Die gesetzliche Unfallversicherung. All das existiert.
Und all das ist nicht vom Himmel gefallen. Es wurde erkämpft. Erkämpft von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, die dafür auf die Straße gegangen sind und dafür verprügelt, inhaftiert und getötet wurden. Erkämpft von der Arbeiterbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, von Sozialdemokratinnen und Kommunisten, die gegen den erbitterten Widerstand des Kapitals Stück für Stück Rechte herausgerissen haben. Es ist kein Zufall, dass genau die Kräfte, die heute so lautstark darüber klagen, wie schlimm der Sozialstaat sei, dieselben sind, die seine Errungenschaften seit Jahrzehnten systematisch demontieren wollen. Der Abbau der Riester-Rente. Die Privatisierung der Krankenversicherung als Dauerziel. Hartz IV als Disziplinierungsinstrument. Das war nie das Programm der Linken. Das war das Programm der Konservativen und Liberalen. Und es sind deren Wählerinnen und Wähler, die heute am lautesten über den kaputten Sozialstaat klagen.
Pressefreiheit: Unter den Top 15 der Welt
Meinungsfreiheit gibt es nicht mehr in Deutschland, sagt der Stammtisch. Man dürfe ja gar nichts mehr sagen. Die Meinungspolizei sei überall. Das ist natürlich Unsinn, aber bequemer Unsinn, weil er so schwer zu widerlegen ist. Wer nämlich behauptet, er dürfe nichts mehr sagen, und das öffentlich, auf Demonstrationen, in Talkshows, in Zeitungen, auf YouTube, auf Telegram, sagt damit gleichzeitig, dass die Behauptung falsch ist. Die Tatsache, dass sie es sagen können, widerlegt, was sie sagen.
In der Rangliste der Pressefreiheit 2025 von Reporter ohne Grenzen belegt Deutschland Platz 11 von 180 untersuchten Ländern. Im Jahr 2024 war es sogar Platz 10. Für Kontext: In 90 von 180 beobachteten Ländern ist die Situation für Medienschaffende derzeit „schwierig" oder „sehr ernst". Deutschland gehört zu den wenigen Ländern weltweit, für die Reporter ohne Grenzen eine grundsätzlich gute Lage attestiert. Nur sieben Länder der Welt erhalten die Bewertung „gut" in Sachen Pressefreiheit, und alle sieben liegen in Europa.
Was es aber gibt, und das muss man benennen, weil es relevant ist: Diejenigen Journalistinnen und Journalisten, die sich mit rechtsextremen Milieus und Parteien wie der AfD beschäftigen, sind besonders gefährdet. Sie berichten von Feindmarkierungen, Bedrohungen, Beleidigungen und Angst vor körperlicher Gewalt. Die Bedrohung der Pressefreiheit in Deutschland kommt also nicht vom Staat, nicht von der Antifa, nicht von den Grünen, sie kommt von rechts. Das ist die Realität, die im Untergangsnarrativ der Rechten einfach nicht vorkommt, weil sie das Bild stört.
Versammlungsfreiheit: Artikel 8 Grundgesetz
Artikel 8 des Grundgesetzes garantiert allen Deutschen das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln. Das ist keine Dekoration. Das wird täglich gelebt. In diesem Land gehen jährlich Millionen Menschen auf die Straße, für Klimagerechtigkeit, für Frieden, für Frauenrechte, für queere Rechte, gegen Rassismus, gegen Faschismus. Hunderttausende sind Anfang 2024 auf die Straße gegangen, um gegen die AfD und für die Demokratie zu demonstrieren. In Städten, Kleinstädten, Dörfern. Das war möglich. Das war legal. Das war geschützt.
In Russland werden Demonstrierende, die ein weißes Blatt Papier in die Luft halten, verhaftet. In China verschwinden Aktivistinnen spurlos. In Iran werden Demonstrantinnen erschossen. In der Türkei landen Journalist:innen im Gefängnis, die falsch tweeten. All das passiert gerade, während wir hier über angebliche Meinungsverbote debattieren. Wer behauptet, in Deutschland herrsche keine Versammlungsfreiheit, hat entweder keine Ahnung, was Versammlungsfreiheit bedeutet, oder lügt bewusst. Beides ist möglich. Beides ist nicht hinnehmbar.
Meinungsfreiheit: Ja, auch die unbequeme
Meinungsfreiheit bedeutet in Deutschland das Recht, jede Meinung zu äußern, die nicht gegen die Grundrechte anderer verstößt. Das bedeutet: Man darf die Regierung kritisieren. Man darf die Wirtschaftspolitik für falsch halten. Man darf das Grundgesetz für unzureichend halten. Man darf linksradikale Positionen vertreten, konservative Positionen vertreten, religiöse Positionen vertreten, atheistische Positionen vertreten. Man darf Parteien wählen, die man für richtig hält, und man darf öffentlich für sie werben. Was nicht erlaubt ist: Volksverhetzung, also das gezielte Aufhetzen von Bevölkerungsgruppen gegeneinander mit der Absicht, die Menschenwürde anderer zu verletzen. Das Leugnen des Holocaust. Das Verwenden von Symbolen verfassungswidriger Organisationen.
Diese Grenzen sind keine Zensur. Sie sind die direkte Lehre aus dem, was passiert, wenn man Hetze grenzenlos zulässt. Deutschland weiß, wohin das führt. Wir haben die Akten. Wer diese Grenzen als Unterdrückung bezeichnet, hat entweder kein Problem damit, Menschen zu Zielscheiben zu machen, oder versteht nicht, oder will nicht verstehen –, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, konsequenzfrei andere Menschen dehumanisieren zu dürfen.
Internetfreiheit: Unter den Top 10 weltweit
Das Internet ist in Deutschland zensiert, sagt die rechte Echokammer. In Wirklichkeit: Im Freedom on the Net Index 2024 von Freedom House liegt Deutschland mit 77 von 100 Punkten auf Platz 10 weltweit, hinter Island, Estland, Kanada, Chile, Costa Rica, den Niederlanden, Taiwan, Japan und dem Vereinigten Königreich. Freedom House stuft den Zustand der Internetfreiheit in Deutschland als „stark" ein. Zum Vergleich: China und Myanmar erhalten jeweils nur 9 Indexpunkte, der Iran 12. Das sind die Länder mit zensiertem Internet. Deutschland gehört zu den freiesten Ländern der Welt, was Internetzugang und -nutzung angeht.
Und trotzdem: Wer auf Telegram Verschwörungstheorien konsumiert, der tut das ungehindert. Wer auf Twitter beziehungsweise X rechtsextreme Inhalte teilt, tut das ungehindert. Wer auf YouTube Desinformation verbreitet, tut das ungehindert. Das Internet in Deutschland ist nicht zensiert. Es ist voll von dem Müll, den die Rechten produzieren. Das ist keine Kritik am Müll, das ist die Feststellung, dass die Behauptung, das Internet sei zensiert, schlicht falsch ist.
Das Antidiskriminierungsgesetz: Schutz vor Ungerechtigkeit
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt Menschen vor Diskriminierung aufgrund des Alters, des Geschlechts, einer chronischen Erkrankung oder Behinderung, der Religion, der sexuellen Identität oder aus rassistischen oder antisemitischen Gründen. Es gilt nicht nur am Arbeitsplatz. Auch bei Alltagsgeschäften wie Einkäufen im Supermarkt, Buchung von Hotelzimmern, Anmietung von privatem Wohnraum, Besuch von Musikclubs, dem Abschließen privatrechtlicher Versicherungen oder der Aufnahme von Bankkrediten gilt der Diskriminierungsschutz. Wer als trans Frau aus einem Club geworfen wird, weil die Türsteher sie nicht als Frau akzeptieren wollen, hat ein gesetzliches Klagerecht. Wer als Schwarze Person keine Wohnung bekommt, obwohl alle anderen Kriterien passen, hat ein gesetzliches Klagerecht. Das ist kein perfektes System, das AGG hat erhebliche Lücken, die Fristen sind zu kurz, die Beweisführung ist zu schwer, und strukturelle Diskriminierung lässt sich selten mit einem Einzelfall vor Gericht beweisen. Aber es existiert. In vielen Ländern dieser Welt existiert nicht einmal der Ansatz.
Und wer das AGG als Bevormundung, als Überregulierung, als linke Ideologie bezeichnet, der sagt damit im Klartext: Ich möchte das Recht haben, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Identität schlechter zu behandeln. Das ist keine politische Meinung, mit der man diskutieren kann. Das ist schlicht der Ausdruck eines tiefen Unverständnisses dafür, was Menschenwürde bedeutet.
Kein Krieg. Seit achtzig Jahren.
Dann ist da noch dieser eine Fakt, der in der Hysterie des täglichen Untergangstheaters vollkommen untergeht: Kein Krieg auf deutschem Boden. Seit achtzig Jahren. Keine Bomben. Keine Flucht. Keine zerstörten Städte. Kein Sterben auf den Straßen. Keine Besatzung. Keine Deportationen. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht. In der gesamten Menschheitsgeschichte war Frieden die Ausnahme, nicht die Regel. Und wer heute im sicheren Deutschland sitzt und über die Zustände im eigenen Land jammert, während in der Ukraine Menschen in Bunkern schlafen, in Gaza Kinder unter Trümmern sterben und in Sudan Millionen auf der Flucht sind, der hat das Privileg, das er genießt, vollständig verinnerlicht, aber nicht verstanden.
Diese Sicherheit ist kein Geschenk und kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer bewussten politischen Entscheidung nach 1945: Nie wieder. Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg. Nie wieder die Barbarei, die dieses Land in zwölf Jahren Nationalsozialismus über die Welt und über die eigene Bevölkerung gebracht hat. Antifaschismus war die Gründungsidee der Bundesrepublik. Das Grundgesetz wurde geschrieben von Menschen, die mit eigenen Augen gesehen hatten, wohin es führt, wenn man Demokratie und Menschenwürde verhandelbar macht. Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das ist kein frommer Wunsch. Das ist eine Lehre, geschrieben mit dem Blut von Millionen Menschen.
Und trotzdem marschieren sie
Und genau dieses Versprechen wird gerade in aller Öffentlichkeit gebrochen. Denn während Deutschland objektiv zu den privilegiertesten Flecken dieser Erde gehört, während die Menschen hier in einer materiellen und rechtlichen Sicherheit leben, von der ein Großteil der Menschheit nur träumen kann, marschiert eine Partei durch die Parlamente dieser Republik, die Faschismus als legitime politische Option rehabilitieren will.
Eine Partei, deren Spitzenpolitiker KZ-Begriffe verharmlosen, Kriegsverbrecher der Wehrmacht glorifizieren und die parlamentarische Demokratie als überwindbare Schwäche betrachten. Eine Partei, die in Teilen vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Eine Partei, deren Netzwerke von Deportationsplänen fantasieren und Menschen in diesem Land nach ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Geschlechtsidentität in Kategorien von wertvoll und nicht wertvoll einteilen. Eine Partei, die genau jene Pressefreiheit, jene Versammlungsfreiheit, jene Meinungsfreiheit, über deren angebliches Fehlen ihre Anhängerschaft klagt, als erstes abschaffen würde, wenn sie an die Macht käme, weil Faschismus per Definition keine freie Presse, keine freie Versammlung, keine freie Meinung duldet. Das ist kein Vorwurf, das ist historische Tatsache.
Und diese Partei erhält bei Wahlen zweistellige, in manchen Bundesländern sogar Ergebnisse um die dreißig Prozent. Das ist kein Protestwählen. Das ist eine Entscheidung. Eine bewusste Entscheidung gegen die offene Gesellschaft, gegen Solidarität, gegen das Miteinander, gegen das Versprechen von 1945. Wer AfD wählt, wählt nicht aus Verzweiflung, die Umfragen zeigen ja, dass es dem Großteil dieser Wählerinnen und Wähler persönlich gut geht. Wer AfD wählt, wählt, weil er will, dass bestimmten anderen Menschen es schlechter geht. Das ist keine Analyse, die ich mit Empathie abmildern werde. Das ist die politische Realität.
Linke Kritik vs. rechte Hetze: Der Unterschied
Man kann Deutschland kritisieren, und ich tue es täglich. Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum, weil jahrzehntelange Politik den sozialen Wohnungsbau vernachlässigt und den Immobilienmarkt der Spekulation überlassen hat. Es gibt strukturellen Rassismus in Behörden, Schulen und auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt Transfeindlichkeit, die Menschen das Leben kostet, buchstäblich. Es gibt Armut trotz Arbeit, weil der Mindestlohn immer noch nicht existenzsichernd ist. Es gibt eine Schere zwischen Arm und Reich, die sich seit Jahren weiter öffnet, während die Reichsten dieser Gesellschaft kaum Steuern zahlen. Es gibt eine Klimakrise, die wir mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte angehen, während die Uhr tickt. Es gibt ein Bildungssystem, das soziale Herkunft reproduziert statt durchbricht. Es gibt ein Gesundheitssystem, das nach Kassenlage sortiert.
Das sind echte Probleme, die echte politische Lösungen brauchen. Und diese Kritik kommt aus einem vollkommen anderen Ort als das Jammerkonzert der Rechten. Linke Kritik an Deutschland kommt aus dem Willen, es besser zu machen. Sie kommt aus Solidarität, aus dem Anspruch, dass die Versprechen dieser Gesellschaft, Würde für alle, Chancengleichheit als Ziel, Schutz der Schwächsten als Maßstab, auch wirklich eingelöst werden. Sie nennt die Ursachen beim Namen: Kapitalismus, der Wohnraum zur Ware macht. Struktureller Rassismus, der keine individuelle Böswilligkeit braucht, um zu wirken. Patriarchale Strukturen, die Frauen, trans* Menschen und alle, die nicht ins binäre Raster passen, systematisch benachteiligen.
Was die AfD und ihr Umfeld betreiben, ist das genaue Gegenteil. Es ist das bewusste Schüren von Angst und Wut für politischen Profit, finanziert und verstärkt durch Netzwerke, die vom gesellschaftlichen Rückschritt profitieren. Es ist die Instrumentalisierung echter Sorgen für eine Agenda, die am Ende ausschließlich denen nützt, die ohnehin schon alles haben. Die Lösung der AfD für die Wohnungsnot ist nicht sozialer Wohnungsbau, es ist Abschiebung. Die Lösung für zu niedrige Löhne ist nicht Tarifbindung oder Mindestlohnerhöhung, es ist die Zerschlagung von Gewerkschaften. Die Lösung für soziale Ungerechtigkeit ist nicht Umverteilung von oben nach unten, es ist Steuersenkung für Reiche und Konzerne. Das ist kein Versehen. Das ist Programm. Das ist die alte, bekannte Geschichte, wie eine herrschende Klasse die arbeitende Klasse davon abhält, ihre gemeinsamen Interessen zu erkennen, indem sie sie gegeneinander aufhetzt. Statt Solidarität: Nationalismus. Statt Klassenbewusstsein: Rassismus. Statt Kampf um gerechte Löhne: Kampf gegen Geflüchtete. Es hat in der Geschichte immer funktioniert.
Antifaschismus ist keine Meinung. Es ist eine Pflicht.
Antifaschismus ist deshalb keine Lifestyle-Entscheidung, kein politisches Hobby für linke Bubbles in Großstädten, keine Meinung unter vielen, über die man im Debattierclub diskutieren kann. Antifaschismus ist die Konsequenz aus dem, was passiert, wenn man Faschismus gewähren lässt. Deutschland weiß das besser als die meisten anderen Länder. Wir haben die Akten. Wir haben die Gedenkstätten, die Stolpersteine, die Konzentrationslager, die heute als Mahnmale stehen. Wir haben die Namen von sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden. Wir haben die Namen der ermordeten Sinti und Roma, der ermordeten Menschen mit Behinderungen, der ermordeten Homosexuellen, der ermordeten politischen Gefangenen. Wir haben die Zeugenaussagen. Wir haben die Täterprotokolle. Wir haben alles, was nötig wäre, um zu verstehen, wohin es führt.
Und trotzdem stehen wir wieder hier und führen Debatten, die wir schon längst hätten abgeschlossen haben sollen. Trotzdem müssen Jüdinnen und Juden in Deutschland heute wieder überlegen, ob sie ihren Davidstern offen tragen können. Trotzdem werden queere Menschen auf offener Straße angegriffen. Trotzdem fliegen Steine auf Büros von Politikerinnen, die sich zu klar positioniert haben. Und trotzdem laufen auf denselben Straßen, auf denen vor einigen Jahrzehnten SA-Männer marschierten, wieder Menschen in Formation, die glauben, die Geschichte auf ihrer Seite zu haben.
Wer heute gegen Rechtsextremismus auf die Straße geht, wer Solidarität nicht nur als Wort, sondern als tägliche Praxis lebt, wer für eine offene, gerechte, queere, antirassistische Gesellschaft eintritt, der macht keine Ideologie. Der hält das Versprechen, das diese Republik sich selbst gegeben hat. Nie wieder. Das ist kein Slogan für Demonstrationsplakate. Das ist eine Verpflichtung, die jeden Tag neu eingelöst werden muss, in der Wahlkabine, auf der Straße, im Gespräch am Stammtisch, im Kommentar, im Alltag.
Wer also das nächste Mal in der Kommentarspalte liest, Deutschland sei am Ende, der darf gerne fragen: Am Ende wovon, genau? Am Ende welcher Skala? Im Vergleich zu wem? Mit welchen Zahlen? Welchen Belegen? Und vor allem: Warum sagst du gleichzeitig, es geht dir persönlich eigentlich ganz gut?
Deutschland ist nicht perfekt. Es war es nie, es wird es nie sein. Aber es ist eines der besten Länder, die je existiert haben, weil Menschen dafür gekämpft haben, es dazu zu machen. Weil Solidarität kein Fremdwort war. Weil Antifaschismus funktioniert hat. Und weil die, die dieses Fundament jetzt einreißen wollen, genau wissen, was sie tun.
Das zu vergessen ist keine Meinung.
Das ist eine Gefahr.
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