
Xavier Naidoo und die Chips der Verdammnis
Wenn mittelalterlicher Antisemitismus auf Kartoffelsnacks trifft, die Erde plötzlich flach ist und Kondensstreifen uns alle umbringen wollen
Es gibt Momente, in denen man als politischer Mensch, als Antifaschistin, als jemand, der täglich damit beschäftigt ist, über rechtsextreme Narrative aufzuklären, einfach kurz innehalten und tief durchatmen muss. Dieser Artikel ist nach einem solchen Moment entstanden. Nicht nach einem Moment der Erschöpfung, und auch nicht aus einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit heraus, sondern aus einem sehr spezifischen, fast schon heilsamen Reflex: dem Reflex, laut und deutlich zu lachen, bevor man anfängt, die Sache wirklich ernst zu nehmen.
Denn was Xavier Naidoo, ehemals gefeierter Soulsänger aus Mannheim, am 17. Februar 2026 vor dem Bundeskanzleramt in Berlin von sich gegeben hat, übersteigt das übliche Maß an Verschwörungstheorie-Wahnsinn so deutlich, dass man kurz prüfen möchte, ob man vielleicht selbst aus Versehen etwas in seinen Chips hatte. Zum Mitschreiben, weil man es sonst nicht glaubt: Naidoo erklärte der Welt, er sei sich sicher, dass wir alle schon Menschenfleisch gegessen hätten. Unwissentlich natürlich. Und schuld daran? Die Firma Lay's. Die macht nämlich, Originalzitat Naidoo, "embryonales Gewürzmittel auf diese Chips." Und Kannibalen hätten es darauf abgesehen, "dass wir alle Kannibalen werden, mit ihnen zusammen, damit wir alle in die Hölle runterfahren."
Man nimmt sich einen Moment. Man öffnet eine Tüte Chips. Man denkt nach. Dann schreibt man diesen Artikel.
Die Chips und ihr dunkles Geheimnis, das keines ist
Naidoo bezieht sich, ob er es weiß oder nicht, auf eine seit Jahren in rechten und verschwörungsideologischen Kreisen kursierende Geschichte rund um das US-Biotechnologieunternehmen Senomyx. Und weil Fakten in diesem Kontext offenbar eine seltene Ressource sind, liefern wir sie hiermit nach, kostenlos, ohne embryonale Beigaben.
Senomyx war ein amerikanisches Biotechnologieunternehmen, das sich auf die Entwicklung von Geschmacksverstärkern für die Lebensmittelindustrie spezialisiert hatte. Um menschliche Geschmacksrezeptoren zu erforschen, verwendete das Unternehmen in seiner Laborforschung die sogenannte HEK-293-Zelllinie, kurz für "Human Embryonic Kidney". Diese Zellen stammen von einem einzigen, 1973 in den Niederlanden abgetriebenen Fötus, dessen Nierenzellen damals isoliert, gentechnisch verändert und kultiviert wurden. Seit über fünfzig Jahren werden diese unsterblich gemachten Zellen in der biomedizinischen Forschung weltweit eingesetzt: für Krebsforschung, Impfstoffentwicklung, Medikamententests. Sie sind ein absolutes Standardwerkzeug der modernen Wissenschaft, so banal wie ein Reagenzglas oder ein Bunsenbrenner.
Was Naidoo und die QAnon-Schwafelrunde daraus machen: Die Chips enthalten Menschenfleisch.
Der entscheidende Unterschied, den jeder Mensch mit einem funktionierenden Gehirn sofort verstehen kann: Die Zellen werden im Labor verwendet, um Geschmacksrezeptoren zu testen. Sie wandern nicht in das Endprodukt. Kein einziges Molekül. Keine einzige Zelle. Nichts landet in irgendeinem Lebensmittel. Es ist ungefähr so, als würde man sagen, ein Arzt habe Blut getrunken, weil er eine Blutprobe mit einer Pipette angesaugt hat. Die US-amerikanische Lebensmittelüberwachungsbehörde FDA hat erklärt, sie würde den Einsatz von fötalem Gewebe in Lebensmitteln niemals zulassen und ihr sei kein einziger derartiger Fall bekannt. PepsiCo, die Muttergesellschaft von Lay's, hat mehrfach schriftlich bestätigt, dass sie keinerlei Forschung betreiben oder finanzieren, die auf fötalem Gewebe basiert.
Das heißt, kurz und bündig: Die Geschichte ist nicht nur falsch. Sie ist so falsch, dass man sie eigentlich gar nicht mehr Theorie nennen sollte. Es ist Bullshit. Zertifizierter, seit Jahren widerlegter, von jedem seriösen Faktencheck demontierter Bullshit. Aber Xavier Naidoo sagt es trotzdem. Vor Kameras. Auf einer Demo. Im Jahr 2026. Mit ernstem Gesicht. Und Tausende Menschen nicken.
Hier beginnt das Problem.
Der Mann, der nicht lernen kann. Oder nicht lernen will.
Man könnte an dieser Stelle milde sein und sagen, Naidoo sei ein verwirrter Mittfünfziger, der sich im Internet verloren habe, QAnon aufgesessen sei und einfach nicht einschätzen könne, was er da verbreite. Man könnte. Aber man wäre damit nicht fair: weder gegenüber den Menschen, die er schädigt, noch gegenüber der Wahrheit.
Denn Xavier Naidoo ist kein ahnungsloser Neueinsteiger in der Welt der Verschwörungsideologie. Er ist ein Wiederholungstäter mit Vorsatz, mit Publikum und mit einer langen, dokumentierten Geschichte antisemitischer und antidemokratischer Aussagen. Seit Jahren fällt er durch genau jene Muster auf, die Experten als klassische Vorstufe zur Radikalisierung beschreiben. Er verbreitete Mythen der Reichsbürger-Bewegung, outete sich während der Coronapandemie als überzeugter QAnon-Anhänger und veröffentlichte über seinen Telegram-Kanal Inhalte, die laut Staatsanwaltschaft Mannheim holocaustleugnenden und antisemitischen Charakter haben. Zwei Verfahren wegen Volksverhetzung sind derzeit noch am Landgericht Mannheim anhängig. Seine Anwälte bestreiten die Vorwürfe, aber die Akten sprechen für sich.
Im Jahr 2022 entschuldigte er sich dann öffentlich, sprach davon, von Verschwörungserzählungen "geblendet" worden zu sein, und zog sich von den großen Bühnen zurück. Viele kauften ihm das ab. Seine Konzerte im Dezember 2025, nach dem angekündigten Comeback, waren ausverkauft: 16.000 Menschen in Köln, mehrere Abende hintereinander in der Berliner Arena am Ostbahnhof. Die Fans zeigten sich größtenteils vollständig unbeeindruckt von seiner Geschichte. Und kaum hatte er das Mikro wieder in der Hand, kaum standen die nächsten Tourdaten: Kinderfresser. Menschenfleisch. Embryonen in Chips.
Die Entschuldigung war das Papier nicht wert, auf dem sie stand. Und wer ihm Tickets kaufte, hat ihm das Mikrofon für seinen nächsten Auftritt finanziert.
Das Böse im Kleinen: Warum das kein harmloses Durchdrehen ist
Wer jetzt noch denkt, das sei alles nur ein bisschen schräg, ein bisschen peinlich, aber letztlich harmloser Irrsinn eines Mannes, der zu viel YouTube geschaut hat, der irrt sich gefährlich. Die Begriffe, die Naidoo verwendet, sind keine zufälligen Ausrutscher eines Verwirrten. Sie sind historisch geladen bis zum Bersten.
Der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, hat die Wortwahl Naidoos unmissverständlich eingeordnet: Sie sei radikalisierend. Mit Begriffen wie "Kinderfresser" und "Menschenfresser" bediene Naidoo historisch tief verwurzelte antisemitische Verschwörungsmythen, und ein großer Teil seiner Anhängerschaft werde diese Begriffe genau so aufnehmen, wie sie gemeint seien.
Er hat Recht. Die sogenannte Ritualmordlegende, also die Behauptung, Jüdinnen und Juden würden Kinder töten, um deren Blut für rituelle Zwecke zu nutzen, existiert seit dem 12. Jahrhundert. Sie hat Pogrome ausgelöst. Sie hat Menschen das Leben gekostet. Sie ist einer der ältesten, zählebigsten und gefährlichsten antisemitischen Mythen der europäischen Geschichte, und Xavier Naidoo recycelt sie 2026 als Chips-Marketing. Er verpackt sie in moderne Scheinwissenschaft, tauft sie "embryonales Gewürzmittel" und präsentiert sie vor Kameras rechter Streamer als frische Enthüllung. Das ist kein Versehen. Das ist kein Irrtum eines verwirrten Künstlers. Das ist Antisemitismus mit Chili-Aroma.
Und Naidoo steht damit nicht allein. Die Demo, auf der er sprach, wurde von Frauen organisiert, die nach eigener Aussage Betroffene sexualisierter Gewalt waren. Diese Frauen distanzierten sich hinterher explizit von Naidoo, erklärten, die Veranstaltung sei bereits offiziell beendet gewesen, als er das Wort ergriff, und sie hätten nicht gewusst, dass er kommen würde. Naidoo nutzte also eine Bühne, die ihm nicht gehörte, für Aussagen, die die Veranstalterinnen ausdrücklich nicht vertreten, und zog damit eine Demonstration gegen Kindesmissbrauch in den Sumpf der Verschwörungsideologie. Wer Kinder schützen will, hilft ihnen nicht, indem er auf Demos für Erwachsene Chips-Kannibalismus-Märchen erzählt.
Eine kurze Geschichte des Unfassbaren: Die größten Verschwörungstheorien und warum sie alle funktionieren wie ein kaputtes Betriebssystem
Bevor wir uns weiteren Details der Naidoo-Saga widmen, lohnt sich ein kurzer Ausflug in das breite, fröhliche, erschreckend bevölkerte Land der Verschwörungstheorie. Denn Naidoos Chips-Geschichte ist nicht einmal eine der absurdesten. Sie ist nicht einmal unter den Top Fünf. Sie ist, wenn man ehrlich ist, eher im Mittelfeld anzusiedeln, genau zwischen "etwas verwirrt, aber irgendwie nachvollziehbar" und "bitte sofort einen Arzt rufen."
Verschwörungstheorien folgen immer demselben Muster, und wenn man dieses Muster einmal gesehen hat, kann man es überall wiedererkennen. Es gibt erstens eine Bedrohung, die unsichtbar ist und von einer unbekannten Elite kontrolliert wird. Zweitens gibt es eine kleine, mutige Gruppe von Wissenden, also die Verschwörungsanhänger selbst, die die Wahrheit erkannt haben. Drittens ist jeder Widerspruch, jede Widerlegung, jeder Faktencheck automatisch Teil der Verschwörung. Das macht das System logisch wasserdicht und gleichzeitig vollständig resistent gegen Vernunft. Wie ein Computer, der so tief mit Malware infiziert ist, dass man ihn nicht mehr booten kann, um ihn zu reparieren.
Die flache Erde, oder: Aristoteles ruft dringend an
Beginnen wir mit dem Klassiker schlechthin, der Königin unter den Verschwörungstheorien, die so fundamental falsch ist, dass sogar das Mittelalter sich bei ihr bedanken würde: der Theorie von der flachen Erde.
Ja, es gibt Menschen im Jahr 2026, die glauben, die Erde sei eine Scheibe. Diese Überzeugung geht auf ein Pamphlet des britischen Autors Samuel Rowbotham von 1849 zurück, der fand, die Kugelform der Erde passe nicht zu dem, was in der Bibel stehe, weshalb die Erde seiner Ansicht nach flach sein müsse. Das war, kurz gesagt, eine bemerkenswert kreative Interpretation der Physik. Aristoteles hatte bereits im vierten Jahrhundert vor Christus mit einfachen Beobachtungen bewiesen, dass die Erde rund ist. Er beobachtete den kreisförmigen Schatten der Erde bei Mondfinsternissen. Er bemerkte, dass man weiter reisende Schiffe zunächst am Rumpf und dann am Mast verschwinden sieht, also von unten nach oben, was bei einer flachen Scheibe schlicht nicht funktionieren würde. Das war vor 2400 Jahren.
Die moderne Flach-Erde-Community hat für diese altbekannten Gegenargumente eine elegante Lösung: Sie erklärt einfach alle Wissenschaftler, alle Raumfahrtagenturen, alle Piloten, alle Satellitenbilder, alle GPS-Systeme, alle Astronomen der gesamten Welt und alle Fotos aus dem Weltraum zur Fälschung. Die Antarktis, so die Theorie, sei in Wirklichkeit eine riesige Eiswand rund um die Scheibe, die von NASA-Mitarbeitern bewacht werde, damit niemand hinüberklettert und ins All fällt. Wohin man fallen würde, wenn man über die Eiswand klettern würde, erklärt die Theorie nicht. Warum Tausende von Antarktisforschern aus Dutzenden Ländern, von Russland bis China bis Australien, alle gemeinsam über dieses Geheimnis schweigen, erklärt die Theorie ebenfalls nicht.
Was sie erklärt, ist, warum NBA-Star Shaquille O'Neal Recht hat, als er sagt, wenn er von Florida nach Kalifornien fahre, sehe die Straße "nun mal flach" aus. Das ist das Kernergebnis von zwanzigjähriger Flach-Erde-Forschung: Straßen sehen flach aus. Aristoteles wäre sprachlos. Der amerikanische Flach-Erde-Aktivist Mike Hughes war hingegen nicht sprachlos, sondern handlungsbereit. Er baute 2020 eine selbst konstruierte Dampfrakete, um ins Weltall zu fliegen und die Krümmung der Erde zu widerlegen. Er stürzte kurz nach dem Start ab und kam ums Leben. Die Erde ist übrigens immer noch rund. Sie war es auch während des Absturzes.
Die Mondlandung, oder: Warum 400.000 Menschen gleichzeitig lügen ist logistisch eher aufwendig
Die Mondlandung hat es nie gegeben. Diese Überzeugung hält sich seit den 1970er-Jahren mit einer Beharrlichkeit, die man fast bewundern könnte, wenn sie nicht so erschreckend wäre. Die Geschichte besagt, die NASA habe in einem Filmstudio die Mondlandung inszeniert, weil die Technik der 1960er-Jahre angeblich noch nicht fortgeschritten genug gewesen sei.
An der Mondlandung waren rund 400.000 Menschen beteiligt: Ingenieure, Wissenschaftler, Techniker, Astronauten, Bodencrews, Mediziner, Kommunikationsspezialisten. All diese Menschen müssten bis heute schweigen. Davon abgesehen: Die Sowjetunion, der bitterste Rivale der USA im Kalten Krieg, hätte jeden Betrug sofort und mit größtem Vergnügen aufgedeckt und der Weltöffentlichkeit präsentiert. Sie hat es nicht getan, weil es nichts aufzudecken gab.
Von den Mondlandungen wurden außerdem 382 Kilogramm Mondgestein mitgebracht, das Wissenschaftler auf der ganzen Welt analysierten und das chemisch eindeutig Eigenschaften aufweist, die auf der Erde nicht vorkommen können: Mineralien wie Tranquillityit und Armalcolit, ein ungewöhnlich hoher Anteil des Helium-Isotops 3He, das nur bei fehlender Atmosphäre in diesen Mengen vorkommt, und Einschläge von Mikrometeoriten, die bei irdischen Meteoriten durch das Aufschmelzen in der Atmosphäre nicht vorhanden sind. Ein Filmstudio in Area 51 hätte dieses Gestein selbst dann nicht fälschen können, wenn es gewollt hätte.
Was sagen die Verschwörungstheoretiker dazu? Die Steine seien auch gefälscht. Die Wissenschaftler, die sie analysierten, seien alle Teil der Verschwörung. Neue Beweise? Ebenfalls gefälscht. Wenn jede Widerlegung automatisch als neuer Beweis für die Verschwörung gilt, dann ist natürlich jede Diskussion sinnlos, was möglicherweise das Ziel dieser Denk-Architektur ist.
Chemtrails, oder: Das Geheimnis, das 100.000 Flugzeugmechaniker nicht kennen
Schaut man an einem klaren Tag in den Himmel, sieht man gelegentlich die weißen Streifen hinter Flugzeugen. Diese Kondensstreifen bestehen aus Wasserdampf, der beim Verbrennen von Kerosin entsteht und in der kalten Luft sofort zu Eiskristallen gefriert. Je nach Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Flughöhe halten sie sich kürzer oder länger, breiten sich aus oder lösen sich schnell auf. Das ist Physik. Das ist Meteorologie. Das ist so banal und so gut verstanden wie das Beschlagen eines Spiegels beim Duschen.
Die Chemtrail-Theorie behauptet hingegen, in diesen Streifen würden von einer globalen Elite gezielt Chemikalien versprüht, um die Bevölkerung zu vergiften, zu kontrollieren, unfruchtbar zu machen oder das Klima zu manipulieren. Das Problem, auf das diese Theorie unverzüglich trifft, ist ein logistisches: Eine solche Operation würde erfordern, dass Tausende von Flugzeugmechanikern in Dutzenden Ländern täglich geheime Chemikalienbehälter in zivile Maschinen einbauen und befüllen, ohne dass eine einzige dieser Personen jemals mit einem Wort darüber spricht. Hunderte von Menschen sind allein an der Wartung einer einzigen Flugflotte beteiligt. Kein einziger davon hat je etwas erzählt.
Das Umweltbundesamt erklärte bereits 2011, es gebe keinerlei wissenschaftliche Belege für Chemtrails. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat erklärt, es habe in Jahrzehnten atmosphärischer Messungen keinerlei Hinweise gefunden. 76 von 77 international befragten Atmosphärenwissenschaftlern haben in einer Peer-Review-Studie erklärt, bei ihren Forschungen auf keinerlei Indizien für eine Manipulation der Atmosphäre gestoßen zu sein. Der 77. hat möglicherweise in der Mittagspause nicht richtig hingeschaut.
Ein besonders schönes Detail am Rande: Im Jahr 2022 verbreiteten Chemtrail-Gläubige aufgeregt einen angeblichen Zeitungsartikel, der behauptete, in Chemtrails sei nun die geheime Chemikalie "Dihydrogenmonoxid" nachgewiesen worden. Dihydrogenmonoxid ist die wissenschaftliche Bezeichnung für Wasser. Die Verschwörungsgläubigen hatten sich über den Nachweis von Wasser in Kondensstreifen empört, also über das Einzige, was in Kondensstreifen drin ist. Es war April. Es war Satire. Nicht alle bemerkten das.
5G und das Coronavirus, oder: Wie ein Mobilfunkstandard zur Massenwaffe wurde
Als im Jahr 2020 die Coronapandemie begann und zeitgleich der neue Mobilfunkstandard 5G ausgebaut wurde, benötigte die Verschwörungsideologie ungefähr 48 Stunden, um daraus eine kausale Verbindung zu konstruieren: 5G verursache Covid-19, oder verbreite das Virus, oder aktiviere es gar. In mehreren Ländern brannten daraufhin Mobilfunkmasten. Mitarbeiter von Telefongesellschaften wurden angegriffen. Menschen weigerten sich, in 5G-Versorgungsgebieten zu leben.
Das Virus SARS-CoV-2 ist ein biologisches Pathogen. Es überträgt sich durch Aerosole, also durch die Luft, die infizierte Menschen ausatmen. Elektromagnetische Wellen, also 5G-Strahlung, können keine Viren transportieren, keine Viren aktivieren und keine Viren erzeugen. Das ist biologisch und physikalisch schlicht unmöglich, ungefähr so, wie ein Radiosignal keine Erkältung auslösen kann. Dass das Virus in Ländern ohne jede 5G-Infrastruktur genauso ausbrach wie anderswo, störte die Theorie dabei wenig. Dass Tiere erkrankten, die keine Mobiltelefone benutzen, störte die Theorie ebenfalls wenig. Details dieser Art gelten in der Verschwörungslogik ohnehin als verdächtig.
Xavier Naidoo war übrigens auch hier schon dabei. Er outete sich während der Coronapandemie öffentlich als QAnon-Anhänger, verbreitete entsprechende Inhalte und war damit Teil genau des Netzwerks, das solche Mythen fabriziert und in Umlauf bringt. Der Mann ist kein gelegentlicher Ausrutscher in die Verschwörungsideologie, sondern ein treues und langjähriges Mitglied dieser Gemeinschaft.
9/11 und die Suche nach dem großen Strippenzieher
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben über 3000 Menschen das Leben gekostet. Sie waren real, dokumentiert, durch Dutzende unabhängige Untersuchungen lückenlos aufgeklärt und hatten mit islamistischem Terrorismus einen Verursacher, der die Anschläge selbst öffentlich reklamierte. Für einen Teil der Bevölkerung reicht das nicht als Erklärung.
Die Theorien rund um 9/11 sind vielfältig und widersprechen sich gegenseitig: Mal soll die US-Regierung selbst hinter den Anschlägen gesteckt haben, um einen Vorwand für den Einmarsch in Irak und Afghanistan zu haben. Mal seien der israelische Geheimdienst Mossad oder "internationale Bankiers" verantwortlich gewesen. Manche behaupten, es habe gar keine Flugzeuge gegeben, die Türme seien stattdessen von innen gesprengt worden. Andere sind überzeugt, die gesamte Belegschaft des World Trade Center habe vorher eine Warnung erhalten und sei deshalb nicht zur Arbeit erschienen. Leider starben tatsächlich fast 3000 Menschen in den Gebäuden, was diesen letzten Glauben besonders zynisch macht.
Dass all diese Theorien einander ausschließen, stört ihre Anhänger nicht, weil der Kern der Überzeugung nicht in einer spezifischen Geschichte liegt, sondern in der Ablehnung der offiziellen Version. Wer diese ablehnt, kann die eigene Alternativerzählung beliebig gestalten, denn der entscheidende Punkt ist nicht die Wahrheit, sondern die Ablehnung der Institutionen, die Wahrheit produzieren: Medien, Wissenschaft, Staat.
Die Reptiloiden, oder: Wenn die Verschwörungstheorie sich selbst überbietet
Wer denkt, Xavier Naidoos Chips-Kannibalismus sei der absolute Gipfel des Verschwörungsunsinns, hat noch nicht von den Reptiloiden gehört. Die Theorie, popularisiert vor allem durch den britischen Fußballprofi und Verschwörungsideologen David Icke, der im Übrigen auch durch antisemitische und rechtsextreme Äußerungen auffällt, besagt Folgendes: Vor Urzeiten sind außerirdische Echsenwesen von einem anderen Planeten auf die Erde gekommen. Diese Reptilienwesen können ihre Gestalt ändern und sehen aus wie Menschen. Sie sind in alle Regierungen, Königshäuser und Konzerne infiltriert. Sie veranstalten satanische Feste, missbrauchen Kinder und streben nach der Weltherrschaft. Als "Beweise" liefern Anhänger dieser Theorie Fotos, auf denen die Pupillen von Prominenten angeblich schlitzartig erscheinen, was in der Regel auf Kompressionsartefakte in schlecht digitalisierten Videoaufnahmen zurückzuführen ist.
Zu den angeblichen Reptiloiden sollen Angela Merkel, Hillary Clinton, Mark Zuckerberg, das britische Königshaus und auch Jesus Christus gehört haben. Vier Prozent aller Amerikanerinnen und Amerikaner glauben laut einer Umfrage an diese Theorie. Das sind rund dreizehn Millionen Menschen. Der einzige Unterschied zu Naidoos Chips-Geschichte ist der Mangel an Lay's-Bezug.
Und hier ist das Interessante: Diese Theorie ist keine isolierte Fantasie. Sie ist strukturell identisch mit der antisemitischen Legende von der jüdischen Weltverschwörung, nur mit dem Wort "Reptilien" anstelle eines Volkes. Das ist kein Zufall. Es ist dasselbe Narrativ in neuer Verkleidung, und es funktioniert bei denselben Menschen aus denselben Gründen.
Warum Menschen das glauben, und warum das trotzdem keine Entschuldigung ist
An dieser Stelle könnte man mitfühlend werden und erklären, warum Menschen Verschwörungstheorien glauben: das Gefühl der Ohnmacht in einer komplexen Welt, das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen, das Misstrauen gegenüber Institutionen, die dieses Misstrauen manchmal auch verdienen. All das ist real und verständlich. Menschen, die sich von einer unüberschaubaren Welt überfordert fühlen, suchen nach Mustern. Das ist ein zutiefst menschlicher Impuls.
Aber dieses Verständnis hat Grenzen. Es gibt einen Punkt, an dem die Überzeugung aufhört, ein Symptom der Überforderung zu sein, und anfängt, aktiv gefährlich zu werden. Dieser Punkt ist überschritten, wenn Menschen wegen vermeintlicher Chemtrails Mobilfunkmasten anzünden. Wenn Eltern wegen falscher Informationen ihre Kinder nicht impfen lassen und damit Ausbrüche von längst ausgerotteten Krankheiten verursachen. Wenn ein 54-jähriger Sänger auf einer Demo erklärt, wir hätten alle schon Menschenfleisch gegessen, und damit einen zwölf Jahrhunderte alten antisemitischen Ritualmordmythos vor neuem Publikum wiederbelebt.
Das Verständnis für die psychologischen Mechanismen dahinter ist eine Sache. Die Bereitschaft, die Konsequenzen dieser Überzeugungen zu akzeptieren oder zu tolerieren, ist eine ganz andere.
Die Demo an der Siegessäule, oder: 9250 Menschen, die nicht kamen
Naidoo ließ es nach dem Kanzleramt-Auftritt nicht dabei bewenden. Wenige Wochen später mobilisierte er auf Instagram, wo ihm fast 700.000 Accounts folgen, für eine eigene Demonstration an der Berliner Siegessäule. Unter dem bemerkenswert sperrigen Titel "Transparenz, Rechtsstaat und Schutz von Minderjährigen: Aufklärung im Kontext möglicher deutscher Bezüge im internationalen Epstein-Komplex" war die Veranstaltung mit 10.000 Teilnehmenden angemeldet.
Es kamen rund 750.
Auf dem Podium stand unter anderem die extrem rechte Rednerin Michelle Gollan, der es nach eigener Aussage "egal" ist, als rechtsextrem bezeichnet zu werden. Als ein anderer Redner das Publikum fragte, wer von sich sage, rechts eingestellt zu sein, streckten fast alle Anwesenden die Hand. Eine Rednerin, die sich als Psychotherapeutin vorstellte, erzählte von Patientinnen, die ihr von Kannibalismus berichtet hätten. Eine Frau im Publikum war der festen Überzeugung, in Salami befinde sich menschliches Trockenfleisch. Die Demo war beworben worden vom rechtsextremen Compact-Magazin, das zuletzt nur noch sehr wenig Menschen auf die Straße hatte bringen können.
Von den angemeldeten 10.000 erschienen 750. Das sind 7,5 Prozent. Selbst der Pizzaaufstand hatte mehr Zulauf. Die Siegessäule stand währenddessen unbeeindruckt.
Was Naidoo ist und was er nicht ist
Xavier Naidoo ist in der Öffentlichkeit manchmal als tragische Figur beschrieben worden: ein begabter Musiker, der sich in den Labyrinthen des Internets verloren hat. Das ist ein bequemes Narrativ, weil es uns erlaubt, Mitleid zu empfinden, anstatt Verantwortung einzufordern. Aber es entspricht nicht den Fakten.
Naidoo hat jahrelang antisemitische Aussagen getätigt, sich mehrfach öffentlich geäußert, sich dann entschuldigt, weitergemacht, sich wieder entschuldigt und weitergemacht. Die Entschuldigung von 2022 kam zur richtigen Zeit, um sein Comeback vorzubereiten, und sie war so glaubwürdig wie ein Tütchen Paprikageschmack auf einem Lay's Classic: nur Oberfläche, ohne Substanz. Dahinter steckt ein Weltbild, das er nie wirklich verlassen hat.
Er ist kein verlorener Künstler. Er ist ein Mann, der öffentlich und bewusst Narrative verbreitet, die Menschen in Gefahr bringen, weil sie historisch als Vorstufe zu Gewalt dokumentiert sind. Er ist ein Mann, dem 700.000 Menschen auf Instagram folgen. Er ist ein Mann, dem 16.000 Menschen in Köln applaudierten. Und er ist ein Mann, der diese Reichweite dafür nutzt, zu erklären, die Firma Lay's mache embryonale Gewürze auf ihre Chips.
Das Landgericht Mannheim wird zu gegebener Zeit entscheiden, was das strafrechtlich bedeutet. Die gesellschaftliche Einschätzung sollte nicht auf das Urteil warten.
Guten Appetit
Wir schließen, wo wir begonnen haben: mit einer Tüte Chips. In dieser Tüte befinden sich Kartoffeln, Speiseöl, Salz und möglicherweise Paprikagewürz. Es befinden sich keine Embryonen, keine Menschenzellen, keine satanischen Zusatzstoffe und keine Botschaft einer reptilienhaften Weltverschwörung. Der Hersteller hat darüber hinaus mehrfach schriftlich versichert, dass auch keine Forschung mit fötalem Gewebe in seinen Produkten stattfindet.
Das Lächerliche an all dem ist das Einfachste: Es braucht keine Verschwörung. Die Welt ist komplex genug, chaotisch genug, manchmal grausam genug, ohne dass eine Elite im Hintergrund die Fäden zieht. Es gibt echte Machtstrukturen, echte Ungerechtigkeiten, echten Missbrauch durch reale, namentlich bekannte Akteure. Sich auf Chip-Kannibalismus zu konzentrieren ist nicht mutig. Es ist eine Ablenkung von diesen realen Problemen. Und genau deshalb ist es so gefährlich.
Xavier Naidoo hat vor Kameras erklärt, wir hätten alle schon Menschenfleisch gegessen. In Lay's-Chips.
Wenn man das laut ausspricht, klingt es so, wie es ist: absurd. Lächerlich. Nicht ernst zu nehmen.
Aber es ist ernst zu nehmen. Weil er es ernst meint. Weil 750 Menschen zur Siegessäule kamen, um es zu hören. Weil 700.000 Menschen ihm auf Instagram folgen. Weil die Worte, die er benutzt, Menschen in Europa schon getötet haben.
Die Chips sind unschuldig. Alles andere ist es nicht.
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Quellen: taz.de, SWR Aktuell, Jüdische Allgemeine, Amadeu-Antonio-Stiftung, Tagesspiegel, Mimikama, dpa-Faktencheck, bonedo.de, Umweltbundesamt, Wikipedia (Chemtrail, Mondlandungsverschörungstheorien), Bundeszentrale für politische Bildung, ingenieur.de, scinexx.de
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